Aufsatz 
Rede des Oberlehrers Bräuning. Gehalten am 27. Januar 1912 anläßlich der Geburtstagsfeier Kaiser Wilhelms II
Entstehung
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Re do

des Oberlehrers Bräuning.

Gehalten am 27. Januar 1912 anläßlich der Geburtstagsfeier Kaiſer Wilhelms II.

(In Druck gegeben auf Veranlaſſung des Kuratoriums des Kaiſerin Friedrich Gymnaſiums zu Homburg v. d. H.)

In den hellen Klang der Geburtstags⸗ glocken, die heute auf der ganzen deutſchen Erde tönen, in den Jubel, der am Hohen⸗ zollerntag das Land durchbrauſt, miſchen ſich auch ernſtere Stimmungen. Ein ſchweres Jahr hat unſer Volk durchgemacht: tief einſchneidende Fragen haben ſein Gemüt berührt: und mancher fand keine andere Löſung dieſer Fragen als den Krieg. Ein Weltkrieg, deſſen Ausgang ſo zweifelhaft iſt wie der eines Würfelſpiels! Und hinein in dieſe bedeutungsvollen, inhalts⸗ ſchweren Tage fällt der 200 jährige Gedenktag an unſern größten König. Einen Gruß aus harter, eiſerner Zeit ſendet uns der 24. Januar, aus einer Zeit voll hoffnungskühnen Wagens, voll entſagungsreichen Kämpfens, aus einer Zeit, wo es noch kein Deutſchland gab, wo der große Friedrich ſein Leben hindurch ge⸗ kämpft und gerungen hat, um dem deutſchen Volk, ſeinem Volk, eine ſchönere Zukunft zu beſcheren, einem Volk von ſolcher Vergangenheit!

Denn in der arg mißhandelten, vom Schickſal ſo zertretenen und zermalmten Nation lebte noch die große Erinnerung an die alte deutſche Kaiſerherrlichkeit. An jene Zeit, wo die deutſchen Kaiſer ihre Mannen um ſich ſcharten und die Römerſtraße über die Alpen nach Italien führten, um hier für ein ſchönes Ideal zu bluten und zu ſterben: für das Ideal eines deutſch⸗chriſtlichen Weltimperiums. Jene Zeit war die glanz⸗ und krafterfüllte Jugendzeit unſeres Volkes, die nun wie ein fernes, fernes Märchen zurückliegt, deren Farbenpracht aber immer noch ſtrahlt. Das deutſche Volk aus jener Zeit erſcheint wie ein junger Mann, der ſiene Gaben weit überſchätzt, der ſich maßloſe Ziele ſetzt, der alles, was in ihm regt und lebt zum Aeußerſten anſpannt, auf Ikarus⸗ flügeln goldenen Sonnen entgegenjubelt und dann ermattet, überanſtrengt zu Boden ſinkt, und nun am Boden liegend zertreten und ver⸗

achtet wird! Deutſchlands größte und kühnſte Kaiſergeſchlechter: Sachſen, Salier und Hohen⸗ ſtaufen haben immer und immer wieder an der Idee des deutſchen Imperiums gearbeitet: manchmal ſcheint das Ziel erreicht. So ſagt Otto von Freiſing von dem trotzigſten und kühnſten dieſer kaiſerlichen Kämpfer, von dem Hohenſtaufen Heinrich VI:Furcht deckte alle Lande, Schweigen alle Städte, und er hat das deutſche Volk herrlich gemacht vor allen andern. Glückliche Selbſttäuſchung! Denn die Macht und Kraft dieſes Imperiums ruhte nicht in der Kraft des Volkes, ſondern in der Perſönlichkeit ſeines Herrſchers, wie bei allen Imperien von Alexander bis Bonaparte! Mit dem frühen Tode jenes Heinrich brach das Verderben hinein, bitter und unaufhaltſam. Sein Sohn Friedrich, geboren von einer italieniſchen Mutter, mehr Italiener als Deutſcher, überläßt Deutſchland ſeinem Schickſal, und er baut ſich unter Sici⸗ liens blauem Himmel in ſouveräner Selbſt⸗ herrſcherlaune nach eigenen Wünſchen und Ideen einen glänzenden, modernen Muſterſtaat. Und wie er noch Oberitaliens Städte in ſeinen Machtkreis ziehen will, da rüſten gegen ihn alle Feinde, die das Imperium ſeit langem beſeſſen: die deutſchen Fürſten, die Städte, die Kirche unter einem rückſichtsloſen und fana⸗ tiſchen Führer. Ein Rieſenkampf hebt an auf Italiens Erde: der Hohenſtaufe gegen alle dieſe Feinde: wie ein edles Wild wird er herumgehetzt vom Norden zum Süden, vom Süden zum Norden, er kämpft, ſiegt, unterliegt, ſtirbt und geht zu Grnnde und mit ihm die deutſche Kaiſerherrlichkeit!Er hat hinabge⸗ nommen des Reiches Herrlichkeit! Unterge⸗ gangen die Kaiſergewalt, die Zentralgewalt, die alles zuſammengehalten hat, die Deutſchlands Namen groß und glänzend gemacht hat. Nichts iſt von ihr geblieben als heilige Erinnerung. Vinetaglocken, verſunken im Ozean! An ihre