Aufsatz 
Rede des Oberlehrers Bräuning. Gehalten am 27. Januar 1912 anläßlich der Geburtstagsfeier Kaiser Wilhelms II
Entstehung
Einzelbild herunterladen

greifer zu. Schleſien, um das die ſtolze Kai ſerin Maria Thereſia ſo manche heiße Träne geweint! Und verſtehen können wir die Wahr⸗ heit ihres bittren Wortes, daß nach dem Ver⸗ luft Schleſiens die Kaiſerkrone nicht des Tra⸗ gens wert ſei. Die welthiſtoriſche Bedeutung der beiden erſten ſchleſiſchen Kämpfe, der Ver träge von Breslau und Dresden liegt eben darin, daß Oeſtreich aus Schleſien zurückge⸗ drängt immer mehr die Fühlung mit Deutſch⸗ land verliert.

Für den jungen Preußenkönig lag die Sturm⸗ und Drangperiode ſeiner Entwicklung jetzt hinter ihm. Aus dem großen Kampf kehrt der 33 jährige Held zurück, von der dank⸗ baren Nation jetzt ſchon mit dem Namender Große begrüßt. Er ſelbſt mit einem Herzen voll Freude und Dankbarkeit.Leben und leben laſſen war der Vorſatz ſeines noch un⸗ enttäuſchten, unverbitterten Lebensmutes und Lebensdranges. Im Siegerkranz, ein Geliebter ſeines Volkes, glühte er, ſich ganz den Werken des Friedens zu weihen, ſein großes Vaterland zu mehren an Gütern des Glückes, der Auf⸗ klärung und Freiheit.

Doch das ward ihm nicht beſchieden. Maria Thereſia vergaß den Verluſt Schleſiens nicht, und ihr Miniſter Kaunitz nutzte jede Gelegenheit, Habsburg die alte hiſtoriſche Stellung wieder zu gewinnen. So ſchmiedet er den gewaltigen Dreibund: Frankreich⸗Oeſtreich⸗ Rußland, dazu beſtimmt, nicht nur Schleſien zu gewinnen, ſondern Deutſchland von neuem Habsburgs Despotismus zu unterwerfen und die junge preußiſche Macht zu Boden zuſchlagen. Der dritte Kampf um Schleſien, der 7 jährige Krieg hebt an: der denkwürdigſte Krieg der deutſchen Geſchichte; nie iſt um größeren Ein⸗ ſatz geſpielt: Deutſchlands Glück und Freiheit ſtand auf dem Spiel. Auf der einen Seite das habsburgiſche Kaiſertum bereit, die Frem⸗ den auf deutſche Erde zu rufen, deutſches Land den Fremden einzuräumen, auf der anderen Seite der Heldenkönig, der in ſeiner perſönlichen Sache und der Sache Preußens die Sache Deutſchlands verteidigte.Es wächſt der Menſch mit ſeinen höheren Zwecken; und ſo ſprach Friedrich, getragen von dem Bewußtſein der nationalen Bedeutung ſeiner großen Kampfes⸗ aufgabe, ſtolz das Wort:So lang ein Preuße lebt, entbehrt Deutſchland nicht der Verteidiger.

Bunt und wechſelvoll reihen ſich die Bilder dieſes 7 jährigen Ringens: ſtolze Siegesfreude

und herbes Leid, kühnes Wagen und matte Niedergeſchlagenheit, friſches Hoffen und bittere Enttäuſchung, kampffrohe Begeiſterung und Qualen ohne Ende! So ziehen ſie an uns vorüber die Bilder, farbenfriſch wie einſt: die Hungerqualeu der ſächſiſchen Armee in den Kornfeldern des Lilienſteins, der Heldentod Schwerins vor Prag, das luſtige Gejage von Roßbach, der heroiſche Tag von Leuthen, wo von den brennenden Biwakfeuern aus den rauhen Kehlen der Krieger der ſchöne Choral in die kalte, klare Winternacht ſtieg: ein dank⸗ erfülltes Gebet aus angſtbefreiter Bruſt; weiter das nächtliche Drama zu Hochkirch, wo Fried⸗ richs Menſchengröße im ſchönſten Licht erſtrahlt, die Kataſtrophe von Kunersdorf, wo Friedrich an ſich ſelbſt verzweifelt, der ſchmachbefleckte Tag von Maxin, wo Preußens Ehre wankt, der Ehrentag von Landshut, der ſie wieder⸗ herſtellt, der ſtimmungsvolle Morgenkampf auf Liegnitz Höhen, die gräßliche Kanonade, das blutige Schlachten von Torgau ſechs Jahre hindurch ein immer erneutes Kämpfen und Ringen, bis wir im ſechſten Jahre des Krieges den König im Lager zu Bunzelwitz finden, dem Untergang nahe, fertig mit allem, in jener verzweifelten Stimmung, wo ſelbſt das Unglück keinen Eindruck macht. Doch eher bereit zu ſterben, als ein Dorf nur abzutretenSi fractus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae! Da kommt das Schickſal dem Dahinſinkenden zu Hilfe: der Thronwechſel in Rußland rettet ihn, Preußen, Deutſchland.

Für die Geſchichte Deutſchlands bedeutet der 7 jährige Krieg die erſte nationale Kraft⸗ probe. In dem gemeinſamen zähen Ringen der Norddeutſchen Stämme, Preußen, Hanno⸗ veraner, Braunſchweiger und Heſſen offenbarte ſich, welch' große Widerſtandskraft in dem mißhandelten Volk noch ſchlummerte. Der Tag von Roßbach blieb ein Ehrentag des deutſchen Volkes, und in der geſamten Nation glühte die Begeiſterung für den Helden von Roßbach und Leuthen.Wir waren doch alle fritziſch geſinnt, ſagt Goethe, ein Frankfurter,

o Preußenfeind.

Er ſelbſt kehrt aus dieſem Krieg zurück, 51 jährig, ein verbitterter Greis, ein Verächter des Lebens und der Menſchheit. In dieſem verhärteten Gemüt glühte noch eine Leidenſchaft: der Haß gegen Habsburg! Und dies Gefühl