Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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leerem Wortwiſſen und mit unverſtandener Syſtematik beladen werden, d. h. mit einem Wiſſen, das ſich alsbald wieder verflüchtigt. Darum ſoll nach dem preußiſchen Plane das Material zu dieſem Unterricht vorwiegend in Vertretern der einheimiſchen Tier⸗ und Pflanzenwelt und in einzelnen beſonders charakteriſtiſchen Formen fremder Erdteile beſtehen. Das Hauptgewicht iſt bei dieſem Unterricht nicht ſowohl auf einen großen Umfang des Materials, als auf deſſen didaktiſche Durcharbeitung zu legen. Der Unterricht hat, von der Anleitung zur Beobachtung und Beſchreibung der Einzelheiten ausgehend, die Schüler durch Vergleichung verwandter Formen allmählich zur Aneignung der wichtigſten Begriffe der Morphologie und zur Kenntnis des Syſtems hinzuführen. Für das Zeichnen iſt es die Aufgabe, auf dem kürzeſten Wege dazu anzuleiten, angeſchaute Körper in ihren Formen richtig aufzufaſſen, mit Verſtändnis vermittelſt des Stiftes darzuſtellen und hierdurch den Sinn für die Formen der Natur und der Kunſt zu erſchließen.

Es iſt außerordentlich wertvoll, daß die Gymnaſien von der Laſt befreit werden, eine Überfülle allzu ſpröder Lehrſtoffe einzuprägen, die ſowohl in unverarbeiteten empiriſchen Einzelheiten geſchichtlichen, litterarhiſtoriſchen, naturgeſchichtlichen, geographiſchen, grammatika⸗ liſchen, lexikaliſchen und ähnlichen Wiſſens, als auch in zu weit gehenden Abſtraktionen der Religionslehre, der philoſophiſchen Pro⸗ pädeutik, der Mathematik oder der mathematiſchen Phyſik beſtehen können. Daß die fortwährende Sichtung aller Lehrſtoffe zur Pflicht gemacht iſt, daß nur ſolche Lehrſtoffe ausgewählt und behandelt werden ſollen, die durch den Unterricht in die jugendlichen Seelen als unver⸗ lierbares Eigentum eingeſenkt werden können: dies ſind Forderungen einer pädagogiſchen Weisheit, aus denen die entſprechenden Folge⸗ rungen für die Regierung und Zucht der Schüler und für das Prü⸗ fungsweſen gezogen werden müſſen. Denn eine wohl durchdachte Theorie des Unterrichts bleibt doch immer nur eine verhüllende Deko⸗ ration, wenn entweder das Prüfungsweſen Lehrer und Schüler nötigt, die pſychologiſchen Grundſätze naturgemäßer Erweiterung des jeweilig vorhandenen Unterrichts mehr oder weniger außer acht zu laſſen, oder wenn die Sinnesart, die Führung und der Fleiß der Schüler ſo ungeregelt und unbeſtändig ſind, daß infolge ihres Leichtſinns die