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Sokrates Glückſeligkeit geben, aber nicht durch Pflege eines weichlichen Genuſſes geiſtiger Güter, ſondern einer willenskräftigen und an⸗ ſtrengenden Erwerbung und Durchbildung aller Geiſteskräfte.
Zum Schluſſe.
Es iſt meine tiefſte Überzeugung, daß das Gymnaſialweſen nur dann wieder einer glücklichen Entwickelung ſich erfreut, wenn wir uns wieder ganz und gar von dem humanen, ethiſchen und religiöſen Geiſte ſeiner bewährten Altmeiſter leiten laſſen. Nicht aus der von der Vergangenheit uns überlieferten Idee des Gymnaſiums ſind die Qualen entſprungen, die in den letzten Jahrzehnten häufig den Lehrern, den Schülern, den Familien das Leben verbitterten; ſondern die tiefere Urſache alles Leides lag in der Abkehr vieler Zeitgenoſſen von dem geiſtigen Leben des Gymnaſiums, in dem Eindringen gewiſſer Rechts⸗ begriffe und der darauf beruhenden ſtrengen Forderungen in das zarte Leben der Schule; und der Idee der Gymnaſialbildung entſprach es auch nicht, wenn vereinzelte äußerliche Mittel derſelben für ihre Zwecke gehalten ſein wollten. Nun kommt es darauf an, daß wir die geſchichtlich überlieferte Idee der Gymnaſialbildung rein und tief erfaſſen und zeitgemäß erweitern und daß ſich Schule und Haus von ihr wieder gewinnen und erwärmen laſſen. Aus ſolcher zart fühlenden Gewogenheit erwächſt dann wieder gute Gewohnheit. Da man auf allen Gebieten des Lebens denjenigen vertraut, die in einer Geſchicklichkeit Erfahrung ſich erworben, und dieſe Erfahrung von Grund aus zu erklären und an ihre Idee zu erinnern vermögen: ſo möge das Vertrauen auf die uns überlieferte Idee der Gymnaſial⸗ bildung, durch die wir nicht das Unſerige ſuchen, ſondern unter die wir uns anſpruchslos ſtellen, in dem Gymnaſium wieder ein ſtilles, ungeſtörtes Heim innerlichſten Lebens und Strebens auferſtehen laſſen.
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