Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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dienen ſolle; und durch dieſes Eingeſtändnis wurde nur ein weit ver⸗ breiteter Mißbrauch der Extemporalien konſtatiert. In jener Ver⸗ ſammlung fehlte es denn auch nicht an Rügen jener Verkehrtheit. Es wurde betont, die Extemporalien ſtänden nicht ganz unberechtigt an manchen Orten in ſchlechtem Rufe, wenn man von dem Schüler eine Leiſtung aus dem Stegreife verlange und wenn man lediglich oder doch hauptſächlich nach ſolchen Leiſtungen den Schüler beurteile und ihm hiernach ſein Zeugnis ausſtelle.Freilich werden im Leben oft genug Leiſtungen aus dem Stegreife verlangt, fügte in jener Kon⸗ ferenz Gymnaſialdirektor Schimmelpfeng hinzu,der Soldat, der See⸗ mann, der Arzt, auch der Richter kommt oft in die Lage, ſich raſch zu entſcheiden, und nach getroffener Entſcheidung noch raſcher zu han⸗ deln; ſelbſt beim Prediger und Lehrer bleiben ſolche Forderungen nicht aus; für ſie iſt aber auch das Leben der beſte Lehrmeiſter, die Schule kann nur in geringem Maße darauf vorbereiten. Das Regel⸗ mäßige für ſie iſt, wie für den Lehrer ſo für den Schüler, das Ar⸗ beiten mit Vorbereitung und reiflicher Überlegung, vor allem aber das ſelbſtändige Arbeiten, das aus dem eignen Wiſſen ſchöpft. Aber auch die Erfahrung wird jeder Lehrer machen müſſen, daß es»Ex⸗ temporale⸗Köpfe« giebt, die trotz guter Extemporalien an allgemeiner geiſtiger Reife weit zurückſtehen hinter anderen, die immer nur ſchwache Extemporalien liefern. Deshalb darf die Beurteilung der Schüler durch den Lehrer ſich nicht auf dieſe Art von Arbeiten allein ſtützen, dazu hat man alle Leiſtungen zu berückſichtigen. Iſt aber das Ex⸗ temporale eine Leiſtung, die nicht in das Gebiet der»Lotterie« ge⸗ hört, die auch dem ſchwächer begabten, fleißigen Schüler gut gelingt, und iſt es weſentlich Übungsmittel, nicht ein bloßes Prüfungsmittel: ſo iſt es ein unerſetzliches Mittel zur Aneignung gründlicher Sprach⸗ kenntniſſe.

Wenn nun erfahrene Schulmänner die Auswüchſe des Extem⸗ poralweſens in dieſer Weiſe beurteilten, ſo war der Widerſtand der öffentlichen Meinung gegen dieſelben erklärlich und durchaus be⸗ rechtigt. Die Prüfungs⸗ und Verſetzungsaktenſchreiberei, die ſchlechte Methodiker in die Schule verpflanzten, brachten viele höhere Schulen in Mißkredit. An den Folgen leiden wir noch heute.

Schon zur Zeit der erſten heſſiſchen Gymnaſialdirektoren⸗Konferenz