Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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danke weite Verbreitung. W. F. B. Schwartz erhebt ſich geradezu zum Lobe eines Gymnaſialſyſtems, das zwar an das Lehrerkollegium im einzelnen, wie in der Geſamtkontrolle an den Direktor beſondere Anſprüche ſtelle, aber in der gewandten Anwendung des Wiſſens, in derecht preußiſchen Schlagfertigkeit ſein charakteriſtiſches Merkmal finde.(Der Organismus der Gymnaſien in ſeiner praktiſchen Geſtaltung, S. 75.) Wie tief die Forderung der extemporierten und ſchlagfertigen Augenblicksleiſtung in den Organismus gar vieler Gymnaſien einge⸗ drungen, darüber belehrten z. B. noch im Jahre 1882, als der Kult der Extemporalien noch in höchſter Blüte ſtand, die Verhandlungen der dritten Direktorenverſammlung in der Provinz Hannover. Ein Referent jener Provinz ſtellte geradezu alle Leiſtungen der Schüler unter den Geſichtspunkt des Extemporale, wenn er erklärt:Unter Extem⸗ poralien verſteht man im engeren Sinne diejenigen Überſetzungen in eine fremde Sprache, die von dem Schüler in der Klaſſe ohne beſondere Vorbereitung und ohne Hülfsmittel ſchriftlich vorgenommen werden; im weiteren Sinne auch die entſprechenden mündlichen Übungen, auch die in der Schule ohne Vorbereitung ſtattfindenden Überſetzungen aus einer fremden Sprache ins Deutſche, die Klaſſenaufſätze und die hin und wieder in den Realien geſchriebenen Klauſurarbeiten. Ein an⸗ derer Referent ſagt:Selbſtredend können auf allen Wiſſensgebieten, welche der höhere Unterricht umfaßt, Extemporalien geſchrieben werden. Ein Dritter will ſie ſogar für den Religionsunterricht.Das Extem⸗ porale, ſagt ein anderer,iſt eine vom Schüler ſofort in der Klaſſe unter den Augen des Lehrers ohne Hülfsmittel dargelegte ſchriftliche und mündliche Leiſtung. Dies will faſt ſagen, jede geforderte münd⸗ liche oder ſchriftliche Antwort ſei ein Extemporale zum Zweck der Ermittelung der Schlagfertigkeit des Wiſſens und Könnens, oder: die ganze Gymnaſialthätigkeit ſei ein einziges Extemporale und nichts als Extemporale. Damals ward in Hannover hinzugefügt:Die Extemporalien zerfallen nach dem Zwecke, dem ſie dienen ſollen, in zwei Arten, nämlich in ſolche, welche lediglich der Prüfung und in ſolche, welche der übung und damit der Prüfung zugleich dienen; und als Prüfungsmittel für Lehrer und Schüler nehmen ſie einen hohen Rang ein. Hiermit wird alſo geſagt, daß alle Extemporalien der Prüfung, aber ein Teil derſelben nicht einmal der Einübung Becker, über Gymnaſialbildung. 2