Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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Erziehung, wenn der Familiengeiſt entweder gar nicht oder in einer davon verſchiedenen Richtung wirkt.

Nachdem nun aber das Wiſſen der höheren Schule in einer von Herbart noch nicht gekannten Weiſe zur legalen Vorausſetzung der Erwerbung ſtaatlicher Berechtigungen gemacht, dadurch zu einem jedem Staatsangehörigen erſtrebenswerten Wertobjekt geworden und demnach naturgemäß ſeines früheren reinen und idealen Charakters entkleidet und gleichſam im beſten Sinne demokratiſiert worden war: war es eine außerordentlich falſche Maßregel des Unterrichts und der Methode, die Herbart noch nicht vorausſah, wenn nun nach nord⸗ deutſchem Vorgange ſogar höchſt ſchlagfertige Leiſtungen in allen Lehrfächern verlangt wurden, obwohl jene nur wenigen reich angelegten Naturen oder dreſſierten Köpfen leicht gelingen konnten. In dieſem Urteil gehen wir zu einem weiteren Mißſtand über, der im Laufe der Zeit ein Hindernis ward für die glückliche Entwickelung der Gymnaſien, die Beziehungen zwiſchen Schule und Haus durch die Schuld der Schule verbitterte und die Gymnaſien in die Notwendigkeit verſetzte, den Boden, auf dem ſie ſtehen, faſt von neuem feſtzulegen. Es muß rückhaltlos zugeſtanden werden, daß die im letzten Jahrzehnt in der gedachten Beziehung aufgeworfenen Zweifel bezüglich der Zweck⸗ mäßigkeit und Notwendigkeit gewiſſer herrſchender Methoden des höheren Unterrichts teilweiſe ſehr berechtigt waren. Denn ſo wichtig es für alle Gegenſtände des Unterrichts iſt, daß der Schüler zu der Beſtimmtheit des Wiſſens gelangt, daß er dasſelbe auch ſchriftlich und raſch in korrekter Form darzuſtellen vermag und gerade durch das Schreiben ſein Wiſſen erſt zur erforderlichen Klarheit, Deutlichkeit und Feſtigkeit bringt: ebenſo unrichtig iſt es, die Schreibübungen vorwiegend zu einem äußerlichen und einſeitigen Mittel der Kontrolle der Schüler und zu gefürchtetenHaupt⸗ und Staatsaktionen behufs der Cenſierung und Verſetzung der Schüler oder zu einem Mittel der Eindrillung disparater und wohl gar unverdauter Unterrichtsſtoffe zu machen. Weil aber dieſes unrichtige Verfahren in großen Gebieten der deutſchen Staaten faſt zu einem Syſtem ausgebildet wurde, das ſchwere und vielfach nutzloſe Anſtrengungen und Vorbereitungen der Schüler zur Folge hatte, ſo mußten wir es erleben, daß jung und alt gegen dieſes Verfahren ſich aufbäumte. Aber wir bemerken ſchon