Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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Leben auf die Frage: cui bono? irgend eine genügende Antwort er⸗ langt zu haben. So nänlich werden diejenigen ſprechen, an welche der jetzige gelehrte Gymnaſialunterricht gebracht wird, ohne mit ihren natürlichen Fähigkeiten in das rechte Verhältnis treten zu können, denen die Bahn zu Staatsämtern durch tüchtigere Mitbewerber bei der heutigen großen Konkurrenz zu ſpät geöffnet, wo nicht ganz verſchloſſen wurde, und welche dann hintennach dem Landleben, dem Militär, den Gewerben höherer oder niederer Art ſich gewidmet haben. Sollte ich mich darin irren? fragt Herbart.Liefert uns nicht die Mehrzahl der Abiturientenprüfungen neben vielem ſehr Erfreu⸗ lichen auch eine und die andere traurige Probe, wie ſchwer es den Gymnaſien wird, ſolche wieder los zu werden, welche nicht aufzu⸗ nehmen beſſer geweſen wäre, als ſich mit ihnen zu plagen? Wenn Leute der Art einigen praktiſchen Verſtand haben, ſo werden ſie ſich hüten, ihre Kinder der nämlichen Gefahr, der ſie unterlagen, ohne gehörige Prüfung deſſen, was die Natur verlangt und zurückweiſt, bloßzuſtellen.

Die Gymnaſien werden ihre Verehrer behalten, ſagt Herbart, aber nur ſolche, denen ſie nützlich wurden. So ſah Herbart mit prophetiſcher Klarheit voraus, es komme eine Zeit, in der dem Gym naſium Verehrung von denen entzogen werde, die nicht etwa einen wirklichen Fehler an demſelben zu erkennen vermögen, ſondern in demſelben für ſich ſelbſt oder für ihre Kinder nicht denjenigen Erfolg fanden, den ſie gewiß gefunden hätten, wenn Anlagen, Geſinnung, Fleiß nicht gefehlt hätten. Iſt dies Bild, das Herbart zeichnete, nicht ein Bild aus unſrem Leben?

Herbart wußte, daß nur das Staatsſchulſyſtem ein Geſchlecht erziehen könne, das den Aufgaben der Nation gewachſen ſei; aber er erkannte auch, in welche Mißſtände es geraten werde, wenn es ſelbſt äußerliche Motive als Triebfedern in Bewegung ſetze und nicht durch einen beſſeren Familiengeiſt getragen werde.Der gelehrte Eifer, ſagt Herbart,die erhöhte Beſoldung, die vermehrte Achtung des Lehrſtandes, die Prüfungsgeſetze, die patriotiſchen Antriebe, die Er⸗ öffnung der Ausſichten auf mancherlei Beförderung von ſeiten des Staates: das alles mag zuſammenwirkend die Jugend mittelbar und unmittelbar in Bewegung ſetzen; es ergiebt aber etwas anderes als