Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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helfen. Alſo gerade jetzt bedarf das Gymnaſium ganz beſonderer Befeſtigung ſeiner Grundlagen und Grundſätze; und es würde keine rechte Fürſorge für die Jugend verraten, wenn dieſelbe nicht wohl vorbereitet und ausgerüſtet in die heutige erdrückende Konkurrenz der wiſſenſchaftlichen Arbeit und der praktiſchen Thätigkeit entſendet würde.

Die eigentümlichen Schwierigkeiten, denen die heutigen Gym naſien umſichtig begegnen müſſen, ſah der Philoſoph und Pädagog Johann Friedrich Herbart ſchon in jener Zeit voraus, in der die Begründung des neueren deutſchen Gymnaſialweſens wirkliche Be⸗ friedigung und erhebende Hoffnungen weckte und die Gymnaſialbildung immer noch von einem kleineren und bevorzugten Kreiſe begehrt war. In ſeinen Briefen über die Anwendung der Pſychologie auf die Pädagogik ſchreibt er:Soviel, denke ich, werden Sie mir einräumen: der heutige Unterricht, beſonders auf den Gymnaſien, hat eine Fülle und einen Glanz, den unſere Jugendzeit nicht kannte; und es könnte uns wohl die Luſt anwandeln, noch einmal wieder jung zu werden, um den Gymnaſialkurſus ſo vollſtändig durchzumachen, wie man ihn jetzt den empfänglichen Köpfen darbietet. Ohne Zweifel empfinden auch die heutigen Lehrer, wie hoch ſie geſchätzt werden; und ſo kann ſich Luſt und Liebe zum Werke weit länger halten als ehemals. Die Lehrer bleiben länger brauchbar¹), und Reife des Alters, der Er⸗ fahrung, des Urteils verbindet ſich beſſer mit der mehr geſchonten Fähigkeit, davon die praktiſche Anwendung zu machen.2) Käme uns

¹) Wie zerreibt dagegen heute, in der Zeit der ſcharfen Beurteilung des Gymnaſialweſens und ſeiner Träger, der öffentliche Unterricht wieder nicht wenige Lehrkräfte der Gymnaſien vor den Jahren des Alters! Geradezu beängſtigend iſt heute der Geſundheitszuſtand manches Lehrerkollegiums; und wenn die Schulhygieine auch die Lehrer umfaßt, darf man an ſolcher Erſcheinung nicht gedankenlos vorübergehen, ſondern man muß ſie im Zu⸗ ſammenhang mit dem Wechſel der Geſinnungen der lebenden Generation, mit der Ungunſt des Zeitalters beurteilen, das nicht die Ideen der Humanität für ſein höchſtes Gut hält.

²) Weil heute die Lehrkräfte in ihren jungen und mittleren Jahren oft über das geziemende Maß angeſpannt, auf Außerliches gelenkt und abgenutzt werden, kennt man jetzt ſchon kaum mehr die Art und den Wert dieſer von Herbart noch hochgeſchätzten, ehrwürdigen Gymnaſialpädagogen höheren Lebens⸗