Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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außerordentliche Mittel; mancher kleine Beamte, manche Witwe ſpart ſich den notwendigſten Lebensunterhalt ab, um dem Sohn das Studium zu ermöglichen. Und ſind die Prüfungen alle beſtanden, ſo beginnt erſt recht eine Zeit des Wartens und oft der Vergeudung beſter Jugendkraft und eine Aufwendung von Geldmitteln, die von dem unterſtützten Kandidaten verbraucht werden, ohne daß ſie produktiv werden. So vermindert ſich der Wohlſtand mancher Familie.

Iſt dieſe Lage ſo ernſt, ſo muß mit weiſer Fürſorge darauf Bedacht genommen werden, daß möglichſt wenige ihren Beruf ver⸗ fehlen; und dies wird verhütet, wenn die Zeugniſſe, welche die Schule den Eltern als vertrauliches Urteil über die Eigentümlichkeiten ihrer Söhne mitteilt, bei allem Wohlwollen der Wahrheit entſprechen und wenn die Erteilung des Zeugniſſes der Reife nur dem wirklich Wür⸗ digen zu teil wird. Dies liegt im Intereſſe der jungen Leute, die ſich dem Studium widmen wollen, ihrer Familien, die ſchwere Opfer bringen, und der Regierungen, für die es höchſt peinlich ſein muß, von allzuvielen unbedeutenden oder darbenden Staatsdienſtaſpiranten lange Zeit umlagert zu ſein. Ein Übermaß unbeſchäftigter und un⸗ beſoldeter Anwärter wird aber in heutiger Zeit ſogar leicht zu einer ſozialen oder politiſchen Gefahr. Bei ſolcher Auffaſſung der Dinge ſind wir fern davon, der jetzigen ungewöhnlichen Verbreitung der höheren Schulbildung zu grollen, obwohl jene augenſcheinlich eine Verflachung dieſer Bildung bewirkt. Wir vergeſſen nicht, daß für viele Jünglinge ein Erſatz für die heutige wiſſenſchaftliche Ausbildung der höheren Lehranſtalten nicht dargeboten wird, bevor die wirtſchaft⸗ lichen Verhältniſſe des Vaterlandes ſich verbeſſern. Aber daran müſſen wir erinnern, daß die Beſchwerden des heutigen wirtſchaftlichen Lebens in dem Leben der höheren Schulen, auch der Gymnaſien, ſich abſpiegeln. Den angedeuteten ſchlimmen Folgen der heutigen Stockungen und Stö⸗ rungen unſres ſozialen Lebens, die auf den Beſuch und den Unter⸗ richt der höheren Schule einwirken, kann zwar durch eine praktiſche Lehrmethode, die auch gering beanlagte Maſſen fördert, begegnet werden. Aber nur, wenn es gelingt, daß alle, die eine höhere Schule beſuchen, ſich willig ihrem vernünftigen Erziehungs⸗ und Unterrichts⸗ plan unterordnen, wird die Schule ihren Charakter nicht einbüßen und denen, die Förderung bei ihr ſuchen, zu einem Erfolge ver⸗