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geht noch viel weiter. Es iſt auch eine krankhafte Erſcheinung, daß ſich der Sohn des kleinen Landwirts oder Handwerkers ohne hervor⸗ ragende Begabung in eine höhere Schule drängt, um zwei oder höchſtens drei Unterklaſſen mühſam zu abſolvieren und in einer Viel⸗ heit von auseinandergehenden Wiſſensſtoffen Sinn und Verſtand zer⸗ fahren zu laſſen, anſtatt in einer guten Elementar⸗ und Volksſchule, die ſich ſelbſt in den Realien nicht verſteigt, ein einfacheres und ſich wirklich zuſammenſchließendes Wiſſen zu erwerben, das ein feſter und brauchbarer Beſitz wird für das bürgerliche Leben. Intelligenz iſt ein wertvolles Gut. Achten wir aber auch darauf, daß ihre Aneig⸗ nung nach dem wirklichen Bedürfnis und den Anlagen ſich bemißt und nicht ein unfruchtbares Halbwiſſen, Verarmung und Verluſt der wirtſchaftlichen Produktionskraft zur Folge hat. Wir ſtehen offenbar mitten in einer Bewegung, die das Wiſſen nicht rein um ſeiner ſelbſt willen, ſondern als Mittel des Erwerbs und ſpäteren Lebensgenuſſes auffaßt; und aus dieſer äußerlichen Denkweiſe erklärt es ſich neben⸗ bei, daß dieſelbe Schule, von der man das ganze Lebensglück der heranwachſenden Generation erwartet, von nicht wenigen wie eine dienſtleiſtende Magd gering geſchätzt und darnach behandelt wird, nicht als die Wohlthäterin und beſte Gehülfin der Familien und des Staates. Wie aber die falſche Verbreitung des Wiſſens der höheren Schulen und die Ausbeutung derſelben nach äußerlichen Zwecken zum Unſegen für jede Schule wird, ſo erweckt die überfüllung der höheren Lehranſtalten, insbeſondere der Gymnaſien, auch bange Befürchtungen für ihre Zöglinge und die menſchliche Geſellſchaft, wenn ein Prole⸗ tariat der Bildung aus demſelben hervorgeht. Was ſoll aus den Hunderten von Jünglingen werden, die jetzt in jedem Jahre ohne Ausſicht auf baldige Verſorgung aus den humaniſtiſchen Gymnaſien und den Realgymnaſien teils mit dem Maturitätszeugnis zur Uni⸗ verſität oder techniſchen Hochſchule, teils von niedrigeren Stufen jener Anſtalten zu andren Berufsarten übergehen? Wenn die deutſchen Gymnaſien und die Univerſitäten jetzt eine außerordentlich hohe Fre⸗ quenz zeigen, ſo iſt dies nicht die Folge davon, daß der Wohlſtand unſres Volkes ſich gehoben, die Ausſichten der Studierenden ſich ver⸗ beſſert haben; ſondern das Gegenteil hiervon iſt Thatſache. Die Beſitzenden opfern für die wiſſenſchaftliche Ausbildung ihrer Söhne


