Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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ſie keine Begabung, weder innere noch äußere Stützen mitbringen. Es ſind gar nicht wenige Schüler, die, nachdem ſie einmal durch die Rückſicht auf den Freiwilligendienſt in die höhere Schule getrieben wurden, auf den Gedanken geraten, durch eine Fortſetzung ihrer wiſſenſchaftlichen Ausbildung und durch den Beſuch der Univerſität die Anwartſchaft auf eine amtliche Stellung im Staatsdienſte ſich zu erwerben, obwohl ſie dafür keine hervorragende Begabung beſitzen und in einem praktiſchen Berufe, z. B. in einem Gewerbe, weit beſſer ſich bewähren würden. Zu ihrer Entſchuldigung dürfen wir freilich nicht vergeſſen, daß in Deutſchland Handel und Wandel noch nicht wieder zum rechten Aufſchwung gelangt ſind, daß wir auch in dieſer Hinſicht in einem Zeitalter unſicherer Verſuche leben, weshalb gar viele das beſcheidenſte Stellchen im Staats⸗, Kirchen⸗, Schul⸗ und Gemeindedienſt dem unſicheren Berufe der in induſtriellen oder kauf⸗ männiſchen Geſchäften Angeſtellten oder dem Wagnis einer eignen kleinen Unternehmung vorziehen. So erklärt und entſchuldigt ſich die unnatürliche Überflutung unſrer Gymnaſien. Die Gymnaſien helfen nun gern inmitten dieſes wirtſchaftlichen Mißgeſchicks unſres Volkes, hülfreich und liebreich kommen ſie allen entgegen, die bei ihnen Aus⸗ bildung ſuchen; aber man ſei deshalb auch gerecht gegen ſie und mute ihnen nicht das Unmögliche zu. Die allgemeine Lage der Gym⸗ naſien iſt in der angedeuteten Beziehung durchaus nicht geſund. Das⸗ ſelbe läßt ſich freilich auch von andren höheren Schulen ſagen. Für welchen Gebrauch des Lebens lernen die ſpäteren kleinen Gewerbe⸗ treibenden oder Kaufleute, die niemals ſelbſtändig werden und durch die Beherrſchung der neueren Sprachen ſich das erſetzen müſſen, was ihnen an Beſitz fehlt, in der Realſchule I. Ordn. ſpärliche Elemente des Lateiniſchen, das ſie alsbald fallen laſſen und vergeſſen müſſen? Daß ihre formale Bildung davon einen wirklichen Gewinn zog, bleibt unbeſtritten. Aber gerade dieſer Gewinn wird denjenigen nicht zu teil, die nach ihrer Anlage und Lebensaufgabe beſſer die lateinloſe Realſchule aufſuchen würden, aber das Realgymnaſium beſuchen, weil ſie auf ſeine Berechtigungen für amtliche oder andere Stellungen hoffen oder dieſe Schule für vornehmer halten. So liegt alſo beim Beſuch der Realſchulen häufig dieſelbe Verſtiegenheit und Verſchiebung der Ausbildung vor, die wir im Gymnaſium beklagen. Aber die Unnatur