Aufsatz 
Geist, Ziele und Mittel der Gymnasialbildung / von Adalbert Becker
Entstehung
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Jahren, von denen ſeine praktiſchen Einigungsbeſtrebungen begonnen, ein übertriebener Realismus unſer Volk ergriffen, der uns nach jeder Seite der Geſittung und Bildung hin um unſer ideales Erbteil zu bringen droht. Wer vor jenem Umſchwung einem guten preußiſchen Gymnaſium oder einem ähnlichen bewährten Gymnaſium eines andren deutſchen Staats angehörte und hier die Vorausſetzungen einer ruhigen, wirklich befriedigenden und wahrhaft erfreulichen Entwickelung des wiſſenſchaftlichen und perſönlichen Lebens eines ſolchen Gymnaſiums ſelbſt erfahren, möchte ſich der Hoffnung hingeben, unſer Gymnaſial⸗ weſen könne wieder einmal in eine Periode ruhiger und ſelbſtgewiſſer Entwickelung eintreten, wenn es gelänge zu der Einfachheit und Kon⸗ zentration der Unterrichtsſtoffe, der Lehrmittel und der Lehrweiſe jener Zeit und zu der Idealität der Welt⸗ und Lebensauffaſſung zurück⸗ zukehren, die der hingegangenen Generation in ihren leitenden Geiſtern eigen war. Weil die Richtung der Erziehung und des Unterrichts in dem zweiten Viertel unſres Jahrhunderts noch durch das perſönliche Anſehen und Vorbild und die Nachwirkungen bedeutender Pädagogen und Theologen, Philoſophen, Philologen und andrer Gelehrten und durch den herrſchenden Einfluß der ſchönen Wiſſenſchaften gegeben war, lebte in den damaligen Gymnaſien mehr Wärme, Freiheit und Frucht⸗ barkeit des geiſtigen Lebens und mehr Freudigkeit ſelbſt beim Ertragen von Anſtrengungen, die den Willen ſtählten und den Geiſt in den Vollbeſitz ſeiner beſten Kräfte ſetzten. Auch die Unterrichtsordnungen waren damals noch nicht ſo umfaſſend und ſpezialiſiert, übten noch nicht auch ohne es zu wollen einen gewiſſen Druck aus. Aber wenn dies anders ward, ſo iſt dies die Schuld unſres Zeitalters und ſeiner Gewohnheiten, nicht allein der Schulen. Denn wer erſetzt uns heute die Autorität und Anregung Fichtes, W. v. Humboldts, Schleiermachers, Böckhs und ihrer Geſinnungsgenoſſen?

Aber auch viele Hinderniſſe äußerlicher Art traten in jener für die höheren Schulen wirklich befriedigenderen und glücklicheren Zeit den verſchiedenen Kategorieen dieſer Schulen noch nicht wie heute entgegen. Man beſuchte damals noch nicht ſo häufig wie heute die Schulen lediglich zu dem Zwecke, um ein Zeugnis oder eine Berechtigung oder Wiſſen als Erwerbsmittel zu erlangen. Weil damals die allgemeine Wehrpflicht, deren Wert für die Erhaltung der Größe des Vater⸗