6
Indem ich nun offen bekenne, daß ich inmitten der gewichtigen Meinungsverſchiedenheiten, die heute an die Gymnaſien hindernd heran⸗ treten, nicht ohne Scheu in die Beſprechung einiger Angelegenheiten dieſer Schulen eintrete, tritt mir ein Wort Ludwig Wieſe's in die Erinnerung, das er ſeinem Schriftchen„Über die Bildung des Willens“ vorausſchickt und das ich hier an den Ausgangspunkt meiner Be⸗ trachtungen ſtellen möchte, um mich für die Erörterung und das Werk der Erziehung und Bildung des guten, treuen Willens aller Beteiligten zu verſichern.„Es iſt eine Zeit geiſtiger Unruhe und Spannung“, ſagt Wieſe;„eine Fülle von Kräften iſt in ihr wirkſam: aber ihr Antlitz trägt nicht den Ausdruck einer auf frohem Geſundheitsgefühl ruhenden Thatkraft, ſondern vielmehr der unentſchloſſenen Reflexion und einer inneren Uneinigkeit, die der Sicherheit des Handelns Ein⸗ trag thut. Der einzelne empfindet ſeinen Anteil an der Schuld und an dem Leiden der Zeit; aber um zu ihren Hoffnungen Vertrauen faſſen zu können, bedarf es der Zuverſicht zu ihrem ſittlichen Ver⸗ mögen: daran fehlt es; und das Gefühl dieſes Mangels ſowie die Wahrnehmungen ſeiner Urſachen bei ſich und andren iſt es, was viele beſchäftigt und auf ethiſche Unterſuchungen achten läßt. Auf Ent⸗ ſchiedenheit und Treue kommt es an bei allen ſittlichen Lebenszwecken, im ganzen und großen wie in den Verhältniſſen des einzelnen, und nur»im Willen iſt Rat«, davon geht eine Ahnung durch die Zeit; weshalb mit einer richtigen Beantwortung der Frage nach der Willens⸗ bildung nicht bloß der Pädagogik gedient wäre.“
Es fragt ſich heute wohl mancher ältere Mann, wie es ſich doch erkläre, daß vor dreißig und vierzig Jahren der Thätigkeit der Gym⸗ naſien und insbeſondere dem Betrieb der klaſſiſchen Studien— ab⸗ geſehen von den Angriffen, die auch ſchon damals der auflebende Realismus gegen die Gymnaſien richtete— viel geringere Schwierig— keiten erſtanden, als heute oder wenigſtens noch vor einigen Jahren.
Zunächſt ſpringt es in die Augen, daß in dem wiſſenſchaftlichen und praktiſchen Leben unſres Volkes ungefähr ſeit der Mitte unſres Jahrhunderts eine bedeutende Ernüchterung eingetreten iſt, die ihre Wirkung auch auf die Gymnaſien ausgeübt hat. Nachdem überdies unſer Volk von ſeiner ſtaatlichen Wiedergeburt lange vergeblich ge⸗ träumt und um ſeiner Ideale willen verſpottet worden, hat mit den


