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einer Entſchuldigung bedürfen, ſo iſt es doch auch natürlich, hervor⸗ zuheben, daß in Sachen der Bildung des Geiſtes nur das gründliche Wiſſen von dem Weſen und Wirken des Geiſtes zum richtigen Urteil führt, und daß man die wiſſenſchaftliche Pädagogik ſo ungeſtört ihre Wege gehen laſſen muß, wie man den Maler ſeine Farben miſchen, den Tonkünſtler ſeine Weiſen erfinden läßt.
I. Die Lage des Gymnaſiums.
Wie iſt nun der Boden beſchaffen, auf dem heute ein ſüdweſt⸗ deutſches Gymnaſium, wie das unſrige, ſteht?— Obwohl ich erſt vor kurzer Zeit die Leitung des hieſigen Gymnaſiums übernommen und gewiß in viele Eigentümlichkeiten ſeiner früheren Entwickelung noch nicht eingedrungen bin, ſo habe ich doch ausreichend erfahren, daß es unſrer Anſtalt bei den wechſelnden Einwirkungen, denen auch ſie ausgeſetzt war, ſchon ſeit langer Zeit an einer feſten Tradition der Erziehung und des Unterrichts fehlte. Vielleicht kann nun unſre Anſtalt von den faſt in allen deutſchen Staaten wahrnehmbaren Wir⸗ kungen gewiſſer Schwankungen unſres heutigen Gymnaſialweſens am ſicherſten dadurch befreit werden, daß ſie ſich ebenſo aufrichtig und bereitwillig einen offenen Sinn für die mannigfachen Bedürfniſſe der heutigen Bildung bewahrt, wie ſie die klaſſiſchen Studien, die ihren Mittelpunkt bilden, umſichtig und beſonnen, ſtetig und ohne gewagte Experimente betreibt. Es muß für uns möglich ſein, die geſchichtliche überlieferung des deutſchen Gymnaſiums feſtzuhalten und mit ſeiner klaſſiſchen, chriſtlichen und nationalen Bildung ein entſprechendes und nicht zu beſchränkendes Maß mathematiſchen Wiſſens und exakter Natur⸗ erkenntnis zu verbinden. So läßt ſich im Gymnaſium die Idee einer wahrhaft allgemeinen höheren Bildung denken und zur Zufriedenheit aller Einſichtigen verwirklichen, wenn zwar ein angemeſſenes Gleich⸗ gewicht ſeiner verſchiedenen wiſſenſchaftlichen Beſtrebungen hergeſtellt wird, aber die verſchiedenartigen Forderungen des Lehrplans nicht in ſo extremer Weiſe für alle Schüler generaliſiert und nivelliert werden, daß dadurch die perſönliche Bildung vernachläſſigt und die individuelle Entwickelung des jugendlichen Geiſtes gehemmt wird.


