Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
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demselben Ergebnis ist auf anderem Wege O. Bremer gelangt, der in seinerEthnographie der germanischen Stämme(Pauls Grundriß III) systematisch die heutigen mundartlichen Verhältnisse für die Beurteilung der Kolonisationsfrage mit herangezogen hat. Er meint zwar, daß auch in der Priegnitz das sächsische Element bei der Kolonisation überwogen habe; daß aber das niederfränkische Kontingent immerhin so stark gewesen sei, daß seine Mundart deutliche Spuren hinterlassen habe. Diese seiner Meinung nach nieder- fränkischen Merkmale führt er a. a. O. S. 896 f. und S. 898 f. auf. Hiervon würden für die Priegnitz folgende in Betracht kommen(ich füge Beispiele bei): die Endung(e)n im Plur. Praes.(Sächs.(e)t); die Erhaltung des a in uns, jIg im Anlaut(ijôn, jif für goôn, gif gehen, gib); der Wandel des intervokalischen d zu J(brojon Braten); dann die Diphthongierung des auslautenden und antevokalischen e und zu ei und ou(frei= as. fri frei, bouon= as. han bauen), die aber ins Westfälische übergreift.

Wir wollen uns zunächst auf Bremers Standpunkt stellen und mit ihm annehmen, daß die aufgezählten Kriterien wirklich niederfränkische Niederschläge auf dem ost- elbischen Kolonisationsboden seien. Dann darf ohne weiteres gesagt werden, daß sie sich für die Vermutung, die Dialektgrenze an der heutigen politischen Grenze zwischen Meckl. und der Pri. erkläre sich aus der verschiedenen Heimat der ursprünglichen Ansiedler beider Gebiete, schlechterdings nicht verwerten lasse. Von den aufgezählten Kriterien ist nur für die Diphthongierung von 7 und ν in bestimmter Stellung zu ei und ou die politische Grenze auch die Mundartengrenze(s. o.). Die verbale Plural- endung-en aber, die Erhaltung des n in uns(und das sind wohl die wichtigsten Kriterien), sind ganz Mecklenburg mit der ganzen Priegnitz gemeinsam. Daß aber Meckl. überwiegend von Sachsen besiedelt worden sei, nimmt ja auch Bremer an. Es fragt sich, ob wir, wie Jostes für Westfalen, nicht auch für das ostelbische Kolonisations- gebiet einen späteren Einfluß der niederländischen Sprache, aus der Zeit der Blüte der mnl. Literatur und der Brüder vom gemeinsamen Leben, annehmen dürfen(Jostes, Joh. Veghe S. LI ff.), doch scheint mir das für die Bauernsprache nicht wahrscheinlich.

Wie hier Meckl. niederfränkische Merkmale mit der Pri. gemeinsam hat, so hat umgekehrt der nördliche Teil der Pri. spezifisch sächsische Kriterien mit Meckl. gemeinsam; in beiden Gebieten ist anlautendes g als g erhalten, in beiden ist inter- vokales d nicht zu y geworden.

Auch sonst machen besondere Gründe es wahrscheinlich, daß der nördliche Teil der Priegnitz, wenigstens der Westpriegnitz, von Ansiedlern derselben Herkunft angesiedelt worden ist wie Mecklenburg. Ich will hier nur darauf hinweisen, daß in diesem Teil der Pri. wie in Meckl. die alten Bauernhäuser altsächsisch waren oder sind. Näheres s. Nd. Jb. 31, S. 69. Um so auffälliger sind dann aber die sprachlichen Unterschiede an der heutigen politischen Grenze, und wir müssen uns dafür eine andere Erklärung suchen als die Annahme verschiedener Herkunft der Ansiedler.

Solch eine andere Erklärung für die Dialektgrenze an der politischen Grenze von Meckl. scheinen auch die historischen Verhältnisse zu verlangen. Die heutige Grenze zwischen Meckl. und der Pri. ist zwar verhältnismäßig alt; aber sie bestand noch lange Zeit nach der Ansiedlung durchaus nicht. Im Anfang war der Eldefluß die Grenze; diese ging also einige Meilen nördlicher. Jahrhunderte hindurch blieb nun die Nord- grenze unbestimmt. Sie wurde durch Grenzkriege, Verpfändungen und Kaufverträge zwischen den Grafen von Schwerin und andern Großen und den Markgrafen von Branden-