28 lichen Teile der Westpriegnitz die politische Grenze für einzelne Sprachtypen die Sprach- grenze, für andere wieder nicht ist. Wir können annehmen, für die erstere Gruppe wäre die lautgesetzliche Entwicklung an der Grenze gehemmt oder nachträglich modifiziert worden, für die letztere Gruppe wären von Norden kommende Lautbewegungen nicht ge- stört, oder doch nicht an der Grenze gestört worden. Und ich glaube, es läßt sich auch ein bisher noch nicht genug gewürdigter sprachumbildender Faktor psychologischer Natur anführen, der solche verschiedene Behandlung der einzelnen Sprachprozesse zur Folge haben könnte.
Als ich auf meinen Wanderungen durch die Priegnitz die Grenze zwischen dem monophthongischen und dem diphthongischen Gebiete aufsuchte, da begegnete es mir wohl, wenn ich in einem Dorfe fragte, ob man hier fout oder föt(Fuß) sage, daß ich die stolze Antwort erhielt: aι αρᷣgen fout, öwä'n half stun von hiä, da zeggens föt, und der Antwortgeber lachte über dieses föt. Stellte ich nun in diesem verlachten Dorfe dieselbe Frage, so war der Stolz für föt, und fout erschien komisch. Offenbar war sich jeder der besseren Aussprache bewußt, und man kann sich in einem solchen Falle gar nicht denken, wie die eine Form die andere je verdrängen soll. Tatsächlich ist die Grenze zwischen dem monophthongischen und dem diphthongischen Gebiet haarscharf.
Ganz anders aber war der Verlauf der Unterredung, als ich z. B. die Grenze zwischen dem brödn-brôn-Gebiet und dem brajon-Gebiet feststellen wollte(bradn= Braten). War ich in einem z-Dorfe, natürlich ohne daß ich es zunächst wußte, und fragte dort jemand, wie man hier zu„Braten’ sage, so antwortete der Gefragte wohl gar nicht, sah mich vielmehr mit einem eigentümlichen Lächeln an, das nur die eine Bedeutung haben konnte: Sie wollen mich doch nur zum Besten haben. Es war klar, daß er schon öfter wegen seines brajon aufgezogen war; es war aber auch unschwer zu erkennen, daß er das unbestimmte Gefühl hatte, man mache sich mit einem gewissen Rechte über sein brôjen lustig und er schäme sich ein wenig dieser Form. Ein Besucher aus dem brodn- Gebiete aber fühlt sich in vollem Recht, seinem Gastgeber im brajon-Gebiete fröhlich- ironisch zuzurufen: na, nu zet möl dän„bröjon“ upm disch.(Na, nun setze mal den Braten auf den Tisch.)
Woher bei dem einen das Gefühl der Superiorität, bei dem andern das Gefüh der Inferiorität seiner Wortform gegenüber kommt, vermag ich nicht zu sagen, aber es ist vorhanden, und es leuchtet ein, daß unter solchen Umständen sich bröjon und seine Brüder in sehr schwacher Position befinden. Und tatsächlich ist in dieser Frage durchaus keine scharfe Grenze vorhanden; statt ihrer existiert vielmehr ein Gürtel, eine Zone, und innerhalb dieser Zone hört man in demselben Dorfe brödn und brojon. Die ältere, aber veraltende Form wird hauptsächlich von den alten und den auch in sprachlichen Dingen konservativeren Frauen gebraucht, die jüngere, importierte, aber vornehmlich von der männlichen Jugend. Es läßt sich nachweisen, daß die brajon-Linie früher weiter nördlich ging; dieser nördliche Streifen ist schon für brödn erobert, die jetzige Mischzone wird bald erobert sein; dann bildet sich südlich von ihr eine andere Mischzone und so fort.
Dasselbe ist mir auch bei Einzelwörtern aufgefallen. Die nördliche Priegnitz sagt wie Mecklenburg für nichts niks, die südliche nist. Aber mit diesem nist wollen die Leute im Grenzgebiet nicht mehr recht heraus, und es dringt von Norden nils, von Osten nischt herein.


