Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
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Grenze der Priegnitz entstanden. Die mecklenburgischen Städte, die seit Festlegung der jetzigen politischen Grenze in Betracht kämen, wären etwa Dömitz Grabow Ludwigslust Parchim Plau- Röbel, die entsprechenden Städte der Priegnitz in paralleler Reihe Witten- berge Perleberg- Pritzwalk-Wittstock. Denselben Einfluß aber hätten vor der Fest- legung der jetzigen Grenzen, oder gar bevor die angeführten Orte wichtigere Städte gewesen wären, die zur Verteidigung des Landes von der ersten Zeit der Ansiedlung an gegründeten Burgen ausgeübt. Die Burgen bildeten mit den zu ihnen gehörigen Burg- warten ebenfalls Verkehrseinheiten. Nun hat aber Bremer sicher recht mit der Annahme, daß innerhalb solcher Verkehrseinheiten sich die Sprache ausgleicht. Sie gleicht sich gewöhnlich aus nach Maßgabe der Sprache der Gebildeten oder der Machthabenden. Die Burgherren aber, und ebenso die rittermäßigen Vasallen auf dem Lande, waren, das dürfen wir annehmen, aus dem nächsten Gefolge des Eroberers, d. h. Albrechts des Bären. Sie waren also Altmärker, Ostfalen, Nordthüringer. Ihre Sprache kann nicht ohne Einfluß geblieben sein auf die Sprache der angesiedelten Bauern.

Ich meine also, Meyer-Paris behaupten mit Unrecht, daß die Endpunkte mehrerer sprachlicher Merkmale nicht zusammenfallen könnten, oder es sei doch zufällig, wenn sie einmal zusammenfielen. Durch historische Bedingungen können vielmehr wirkliche Sprachgrenzen entstehen, uud diese können sich mit politischen Grenzen decken. Solche historische Bedingungen werden aber durch Verkehrszentren oder Verkehrseinheiten geschaffen. Für den Mundartenforscher ergibt sich nun aus dieser Auffassung die prak- tische Folgerung, daß es wohl berechtigt ist, die Mundart eines politisch abgegrenzten Gebietes zu behandeln, daß es aber ein großer Fehler wäre, wenn er für die einzelnen Spracherscheinungen nicht die Nachbarmundarten heranziehen wollte.

Nun liegt aber gerade für die Priegnitz(und ebenso für Mecklenburg) bei dieser Frage noch eine besondere Schwierigkeit vor. Ich habe eben Burgen und ihre Burg⸗ warte, deren Mittelpunkt die Burgen waren, erwähnt. Sie weisen in die älteste Zeit der jetzigen Priegnitz zurück. Gerade aus jener ältesten Zeit aber erhebt sich die Schwierig- keit, die ich angedeutet habe. Meine Ausführungen könnten wohl gelten, so wird man vielleicht sagen, für Gebiete, die von uralters her von derselben Bevölkerung bewohnt gewesen sind. Das trifft aber für die Priegnitz nicht zu, und trifft auch für Mecklenburg nicht zu. Die jetzigen Bewohner dieser Länder sind ja Ansiedler auf slavischem Boden, und die maßgebende Ansiedlung hat erst in der letzten Hälfte des 12. Jahrhunderts begonnen. Wie nun, wenn die Ansiedler in Mecklenburg in ihrer Gesamtheit anderer Herkunft gewesen wären als die der Priegnitz, und wenn sich daraus die heutigen sprach- lichen Verschiedenheiten an der Grenze erklärten? Aber auch dann, wenn sowohl die Ansiedler Mecklenburgs als auch die Brandenburgs gemischter Herkunft gewesen sind, so daß in beiden Ländern anfangs verschiedene Mundarten gesprochen worden wären, so könnte, je nach dem Übergewicht dieser oder jener Mundart, die endgültige Ausgleichung zu einer einheitlichen Sprache in den beiden Gebieten sich verschieden vollzogen haben. Dann wären eben die entstandenen Mischsprachen von vornherein verschieden gewesen. Und dieser Einwand scheint nicht bloß eine Hypothese zu sein. Man ist berechtigt an- zunehmen, daß die große Hauptmasse der Besiedler Mecklenburgs Sachsen gewesen sind (s. Bremer, Pauls Grundriß III, S. 873), daß sich aber in der Priegnitz neben Sachsen auch Niederfranken(Niederländer) angesiedelt haben. Das letztere geht schon hervor aus der Angabe des für diese Frage maßgeblichen Chronisten Helmhold(Chron. Slav. I, S. 88). Zu