Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

artengrenzen? Herrigs Archiv CXI(1903), S. 384 ff. über den Stand der deutschen Mundartenforschung gibt und erwähne im besonderen nur die Arbeiten von O. Bremer und F. Wrede. Bremer setzt an Stelle des Verkehrszentrums die Verkehrsgemeinschaft oder Verkehrseinheit. Die Verkehrsgemeinschaft beruhe auf politischer Interessengemein- schaft und führe zu einer Sprachgemeinschaft. S. vor allem Beiträge zur Geographie der deutschen Mundarten, Leipzig 1895, S. 14 fl. Wrede bekennt sich in seinem wichtigen Aufsatze Ethnographie und Dialektwissenschaft, Historische Zeit- schrift, Bd. 88, Heft 1, zu der Ansicht, daß die eine Hälfte alles Sprachlebens(die reale) in der Geschichte, in der Orts- und Landesgeschichte, wurzele und hält für unbestreitbar, daß die bestehende politische Grenze ein dialektbildendes Moment sei.

Gauchat, früher ein eifriger Anhänger der Parisschen Theorie, hat sich auf Grund eigener Forschungen in der französischen Schweiz zu einer Ansicht bekehrt, die der Wredeschen nahe kommt. Die dritte seiner a. a. O. S. 399 aufgestellten drei Thesen lautet: es ist unrichtig, daß alte und neue politische Grenzen mit Dialektgrenzen nichts zu schaffen haben..

Und das ist auch meine Meinung. Auch ich behaupte, es gibt scharf abgeschnittene Dialektgrenzen; und ich behaupte ferner, solche mundartlichen Grenzen können sich nicht nur mit politischen decken, sondern sie decken sich sicherlich häufiger mit politischen als mit physischen.

Besonders lehrreich für die Beurteilung der Mundartenfrage scheinen mir die sprachlichen Verhältnisse zu sein, die zwischen Mecklenburg(Meckl.) und der Priegnitz (Pri.) obwalten.

Wohl hat Mecklenburg eine ganze Reihe lautlicher Erscheinungen mit der Priegnitz und besonders mit ihrem nordwestlichen Teile gemeinsam. Aber doch erkennt jeder Priegnitzer sofort den Mecklenburger an seiner Mundart, und umgekehrt. Die Bauern von Cremmin(Meckl.) und Warnow(Pri.), Semmerin(Meckl.) und Milow(Pri.), Pols (Meckl.) und Seedorf(Pri.) ackern od. heuen nebeneinander, aber sie sind sich bewußt, daß sie eine verschiedene Mundart sprechen. Die Sprache Warnows ist von der des kaum ½ Stunde davon entfernten Cremmin mehr verschieden, als von der eines drei Meilen davon liegenden Dorfes der Altmark, etwa Gr. Wanzer, und doch liegt zwischen Cremmin und Warnow keinerlei physische Scheide, zwischen Warnow und Gr. Wanzer aber die Elbe. Ich habe Nd. Jb. 31, S. 71 f. die wichtigsten sprachlichen Unterschiede zwischen Mecklenburg und der Priegnitz zusammengestellt und begnüge mich hier damit, einige wenige Beispiele anzuführen: Frei und heiraten heißen in Meckl.: fri und frigen, in der Pri.: frei und frei-on; Frau und bauen in Meckl.: fru und bugen, in der Pri.: frou und bou-on, mähen, säen u. s. f. in Meckl.: mei-on, zei-en, in der Pri.: mäon,-on; Pforte und Pferd in Meckl.: puot, piot, in der Pri.: põot, peot, und um auch ein Beispiel von abweichendem Wortgebrauch anzuführen: der Storch heißt in Meckl.: 5doνoũ oder Orä in der Pri.: heinodä od. Knäpnd.

Es scheint nun, als wenn ich in eine schlimme Zwickmühle geraten sei. Zu Anfang habe ich die mundartlichen Verhältnisse der Pri. sichtlich ins Feld geführt für Meyer- Paris, d. h. also um darzutun, daß die einzelnen Lautprozesse nicht Halt machen an einer Grenze, daß sie aber aufhören können mitten in einem politisch abgegrenzten Gebiet, daß also doch wohl jedes einzelne sprachliche Merkmal für sich besonders behandelt werden müsse. Nun aber erkenne ich an, daß die politischen Grenzen doch scharfe Sprach-