Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
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dialekte zerfalle, daß die Unterdialekte die wesentlichen Kennzeichen des Hauptdialektes gemeinsam hätten, jeder für sich aber doch noch einige ihm eigentümliche spezifische Merkmale aufzuweisen habe.

Es verdient noch der Erwähnung, daß auch Germanisten deutschen Mundarten gegenüber zu derselben Auffassung gekommen sind. So sagt Nörrenberg, wohl zehn Jahre später als P. Meyer, aber sicher unabhängig von ihm, P B Beitr. IX, S. 372 A.: Es fragt sich, ob es nicht überhaupt zweckmäßiger ist, nicht nur Grammatiken von begrenzten Dialektgebieten und für begrenzte Perioden, sondern vorzugsweise von Sprachprozessen anzulegen, und zwar dann die ganze zeitliche und räumliche Ausdehnung zu behandeln. Er meint aber doch, daß die Zusammenfassung relativer Spracheinheiten alsDialekte aus praktischen Gründen nicht zu umgehen sei. Auf dem Standpunkt von G. Paris steht im wesentlichen auch Fischer, der Verfasser des Atlas zur Geographie der schwäbischen Mundarten, Tübingen 1895.

Die Meyersche Lehre ist aber nicht unangefochten geblieben. Groeber hat in seinem Grundriß der rom. Phil. I, S. 416 eine ganz neue Theorie von der Entwicklung der Dialekte aufgestellt. Danach habe sich die Sprache von gewissen Zentren aus über die Umgegend verbreitet; mit jeder neugegründeten Ortschaft erweitere sich ihr Gebiet; durch den beständigen Verkehr der Ortschaften werde eine gewisse Gleichmäßigkeit der Entwicklung gesichert und dem Ganzen ein einheitliches Gepräge aufgedrückt. So bildeten sich auf historischem Wege bestimmte Sprachtypen aus, und der eigentliche Sinn der Frage der Sprachgliederung sei der, jene Mittelpunkte, jene Herde aufzusuchen. Dialekt- grenzen seien dann die Berührungslinien, in denen mindestens zwei selbständige Sprach- komplexe, die sich von zwei auseinanderliegenden Zentren ausgebreitet hätten, aufeinander geraten wären.

Groeber hat einen beredten Anwalt in Horning gefunden. Dieser stellt Zeitschrift für rom. Phil. XVII, S. 160 ff(1893) die beiden Ansichten etwa folgendermaßen gegenüber:

Die Gegner meinen: der Begriff der limite dialectale werde durch das Zusammen- fallen von mindestens zwei traits linguistiques bestimmt. Danach sei ein Dialekt ein Komplex sprachlicher Erscheinungen, welcher nach allen Seiten durch mindestens zwei zusammenfallende Sprachcharaktere abgegrenzt werde. Da aber ein solches Zusammen- treffen so gut wie nie statthabe, da die einzelnen traits linguistiques sich unabhängig von- einander entwickelten, so sei die Existenz der Sprachgrenzen und der Dialekte in Abrede zu stellen.

Horning meint dem gegenüber, daß solche Lautgrenzen gar nicht so selten vor- kämen, und vor allem, daß sie kein Zusammentreffen von Zufälligkeiten, sondern in ihrer Gesamtheit historisch bedingt seien. P. Meyers Theorie stehe und falle überhaupt mit der Frage, ob es wirklich Sprachgrenzen gebe oder nicht. Es sei aber auf empirischem Wege gelungen, solche Sprachgrenzen nachzuweisen. Er führt dann eine Reihe solcher Sprachgrenzen auf romanischem Boden an.*)

Die neuere germanistische Sprachforschung hat immer mehr einen Standpunkt eingenommen, der sich mit der Groeber-Horningschen Auffassung nahe berührt. Ich ver- weise auf die Ubersicht, die Gauchat in seinem trefflichen Aufsatze: Gibt es Mund-

*) Weitere, von verschiedenen Gelehrten aufgefundene Mundartenscheiden im Romanischen stellen auf oder doch zusammen Wechßler in den Forschungen zur romanischen Philologie, Halle 1900 (Pestgabe für Suchier), S. 523, Anm. 1, und Gauchat in dem gleich zu erwähnenden Aufsatze, S. 380 Anm.