Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
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Auf diesem Wege krönt denn allerdings Schönheit das Werk der Forschung. Kein Wunder, daß auch im Leben dieser Mann die Schönheit verehrte und verwirklichte. Goethe sagt von ihm, Schiller habe viel mehr Lebensart gehabt als er. Seine Lotte aber, die in ihren Kreisen selberdie kleine Dezenz genannt wurde, schrieb ihm einmal als Braut, sie habe bei ihm so viel Feinheit im Umgang gefunden wie sonst bei keinem Manne. So ist Schillers Geist gewaltig fortgeschritten ins ewige Reich des Wahren, Guten, Schönen. So ist er, freilich in moderner Umgestaltung und Neubildung des Wortsinnes ein Meister der Ideenlehre geworden, ein deutscher Plato, gleich dem griechischen Weisen ein Denker zugleich und ein Dichter.

Unser Weg führt uns nunmehr nach Weimar. Wir schreiben den 10. Mai des Jahres 1805. Die Stadt ist auch sonst nicht lebhaft und fröhlich. Heut aber macht sie einen auffallend trübseligen Eindruck. Wie ein Gefühl von Verwaistsein und Gedrücktheit liegt es auf Straßen und Menschen. Wir kommen an Goethes Wohnhaus und treten leise in sein Arbeitszimmer. Leidend sitzt der Gewaltige an seinem Tisch, ihm gegenüber sein Weib Christiane. Plötzlich richtet er an sie die ahnungsvolle Frage:Schiller war wohl gestern sehr krank? Statt zu antworten, beginnt sie zu schluchzen. Heftig springt er auf und ruft:Er ist tot? Sie nickt. Da fällt er in den Sessel zurück, beschattet die Augen mit den Händen und fängt bitterlich an zu weinen. Ergriffen und gehoben zu- gleich verlassen wir diesen Raum des Schmerzes und der Andacht. Wir sind Zeugen geworden der ersten Ehrung, die dem dahingeschiedenen Schiller dargebracht wurde, vielleicht zugleich der letzten wahrhaft würdigen Ehrung, die ihm je dargebracht werden kann. Denn Keiner hat ihn so gekannt, ihn so geliebt, Keiner ist ihm so ebenbürtig gewesen wie Goethe. Jeder von ihnen hat im Anderen den Dichter wieder geweckt, jeder des Anderen Art und Wert neidlos anerkannt und gefördert. Nach wenigen Tagen rafft sich Goethe auf und beginnt nun neben den zahllosen Arbeiten der letzten Jahr- zehnte seines Lebens auch jene selbstlose und edelmütige Leistung, des toten Freundes Andenken zu ehren und zu verewigen. Er will den Demetrius vollenden. Er schreibt den Epilog zur Glocke. Er dichtet noch zweimal neue Strophen hinzu. Nach Jahren fängt er, als Schiller genannt wird, zu weinen an und bricht in die Worte aus:Ich kann den Menschen nicht vergessen. Der Anblick von Schillers Schädel gibt ihm ein ernstes Gedicht ein. Wenn wir jetzt auf dem Theaterplatze in Weimar an Rietschels Denkmal Goethe und Schiller die Hand auf denselben Lorbeerkranz legen sehen, so er- innern wir uns, daß der geistige Urheber dieser Form des Denkmals Goethe gewesen ist. Er hat den Freund dahin gestellt, wohin er gehörte: an seine Seite. Und was hat er, von allen persönlichen Beziehungen abgesehen, an Schiller wohl vor allem zu schätzen und zu lieben gefunden? Daß Schiller ein Mann von vollkommenster Reinheit geblieben und daß er durch und durch eine Persönlichkeit geworden war.

Schillers Reinheit steht über allem Zweifel. So keusch er ins Leben getreten, so keusch ist er wieder daraus geschieden. So sagte Goethe, der selber den Reiz des Stofflichen wohl gekostet und vom Staube des Irdischen reichlich genossen hat, ehrlich und bewundernd von ihm:Und hinter ihm in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine. Darum hing Schillers Herz so innig an der Jugend. Ihm war eben das Alter der Reinheit heilig und ans Herz gewachsen. Schon als Knabe verschenkte er einmal seine silbernen Schuhschnallen an einen vorübergehenden Jungen, weil das arme Kind keine Schnallen an seinen Schuhen trug. In Weimar begegneté ihm einst der Schauspieler Genast mit,