zur Abstraktion“ fortschreite. Schon anderthalb Jahre nach jener Szene in Jena schrieb er die Worte:„Es ist hohe Zeit, daß ich für eine Weile die philosophische Bude schließe; mein Herz schmachtet nach einem betastlichen Objekt.“ Nichts aber beweist die ungeheure Schöpferkraft des Schillerschen Genius schlagender und eindringlicher, als die wunderbare Objektivität, mit der er Venedig im Geisterseher und die Schweiz im Tell geschildert hat, zwei Gegenden, die er mit eigenen Augen nie zu sehen bekam. Eine Ahnung von dieser Art der Objektivität, die ohne Anschauung des Objekts, also ohne Erfahrung, doch die volle Überzeugungskraft der Erfahrung besitzt, erhält man schon, wenn man das Jugendgedicht„Die Schlacht“ liest.— Was aber Schiller besaß, das waren Ideen. Es war eine symbolische Handlung, als Goethe ihm bald nach jenem Gespräch aus seinen Sammlungen ein Mineral sandte und in einem begleitenden Gedichtchen die Worte aussprach:„Ideen gibst du bald dafür Mir tausendfach zurück“. So ist denn „Idee“ ein Lieblingswort von Schiller; kaum ein Ausdruck kommt in seinen Werken so häufig vor. Wir kennen schon die Ideen der Freundschaft und der Freiheit. Vor allem aber sind es die Ideen des Wahren, des Guten, des Schönen, die ihn beherrschen. Die Wahrheit nennt er ein Götterkind.„Was hat der Mensch dem Menschen Größeres zu geben als Wahrheit?“ So hörten wir ihn auf dem Katheder in Jena fragen. Den Ernst, mit dem er aus dem Born der Wahrheit schöpfte, bleichte keine Mühe, so lebhaft er sich auch bewußt war, daß die volle Wahrheit nur außerhalb der sinnlichen Welt zu finden sei, daß vor allen Dingen nie eine Schuld den Schleier am Bilde zu Sais lüften dürfe. Daß die Idee des Guten diese durch und durch sittliche Persönlichkeit beherrschte, ist selbstverständlich. Schon in den Urteilen über Mitschüler, wie sie der Herzog von den Zöglingen seiner Akademie forderte, spürt man das Bemühen, den sittlichen Kern der Persönlichkeit zu erfassen. Sogar die Bühne will ihm zunächst als eine„moralische“ Anstalt erscheinen. Seinen Glauben an das Dasein Gottes aber kleidet er in die Form, überm Sternenzelt müsse ein„guter“ Vater wohnen. Selbst die Schönheit ist ihm erst nur eine Dienerin der Tugend. Allmählich aber wird ihm diese dritte Idee eine ebenbürtige Schwester der beiden andern. Die Schönheit gilt ihm als die Mutter, als die Begleiterin, als die Krönung aller menschlichen Kultur.„Nur durch das Morgentor des Schönen Drangst du in der Erkenntnis Land“, so redet er die Menschheit an; die Künstler aber nennt er „Erfreuende Begleiter durch das Leben“ und ruft ihnen zu:„mit Euch schließt die vollendende Natur“. Es mag dieser letzte Gedanke, Schönheit kröne alle Kultur, traum- haft und unfaßlich erscheinen. Er entspricht dem Zeitalter und dem Individuum, das über die ästhetische Erziehung des Menschen sann und schrieb. Er kann im wesentlichen sich wohl nur auf die formale Seite der Kulturerscheinungen beziehen. Faßt man ihn so, so hat ihn Schiller an einem glänzenden Beispiel verwirklicht. Wer bis in Schillers Zeiten bei uns Geschichte lesen wollte, mußte sich entweder durch gelehrten Wust durch- arbeiten oder zu ausländischer Literatur greifen. Vor ihm gab es bei uns gewandte Publizisten und Politiker, aber kaum eine lesbare Geschichtsschreibung. Schiller ließ„die Gelehrsamkeit einen Bund mit den Musen und Grazien schließen“, wie wir ihn wiederum auf dem Katheder sagen hörten. Er hob die Geschichtsschreibung aus dem Gebiete der gelehrten Literatur in das der schönen Literatur. So wurde der Forscher zum Künstler. Seitdem liest der gebildete Deutsche deutsche Geschichtswerke. Auf anderen Gebieten der Wissenschaft ist man in Schillers Fußstapfen getreten. Er wurde so der geistige Ahnherr der Humboldts, der Forster, der Ranke, Curtius, Mommsen und wie sie alle heißen.
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