Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
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einer Reihe von historischen Studien zugeführt wurde, erhoffte er von dieserDiversion einen merklichen und glücklichen Einfluß auf seine nächste dramatische Arbeit und schrieb:In acht Jahren wollen wir einander wieder daran erinnern. Genau acht Jahre danach dichtete er an seinem Wallenstein. Diesen unverwüstlichen Glauben und die Folgen seines etwaigen Verlustes hat er auch künstlerisch dargestellt. Die Jungfrau von Orleans tut Werke des Wunders, so lange sie an ihre Mission glaubt; sobald sie mit, dem Gehorsam gegen das heilige Gebot auch den Glauben an sich selber eingebüßt, verliert, sie die Kraft und den Erfolg, wie Simson, da er die Locken seines Hauptes verloren. Und als Schiller auf dem Sterbebette an seinem Demetrius arbeitete, da blies er dem oft behandelten Stoff einen ganz neuen Odem ein: So lange ließ er die Wage des vermeint- lichen Prinzen steigen, als der Held an seine Echtheit glaubt; sobald ihm die Augen über das falsche Spiel, dem er dienen soll, geöffnet sind, schwindet sein Vertrauen und sein bisher unfehlbarer Erfolg.Du hast mir den Glauben an mich selbst entrissen, so ruft er in verzweifeltem Schmerze nach des Dichters erstem Entwurfe aus.

Noch immer weilen wir in Jena. Es ist der 22. Juli 1794. Wir wohnen einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft bei und hören den Vortrag über ein natur- wissenschaftliches Thema mit an. Am Schluß gehen wir in die Garderobe, um uns zum Heimgang zu rüsten. Da treten eben zwei Männer zu einander, die wir sofort als Schiller und Goethe erkennen. Der jüngere tut die Außerung, eine so zerstückelte Betrachtung der Natur mißfalle ihm. Goethe erwidert, auch er strebe eine einheitliche Betrachtung der Natur an. Leise folgend lauschen wir noch eine Weile dem Gespräche der sich entfernenden Männer. Der Altere legt dar, wie er übéerall in der Natur Zusammen- hang suche, wie er die Krone des Birnbaums der Form der Birne, die Krone des Apfel- baumes der Form der Apfelfrucht vergleiche, wie er sich die mannigfaltigen Formen der Pflanzenwelt aus einer einzigen Urform entwickelt denke; er sucht schließlich zu beschreiben, wie wohl diese Urpflanze ausgesehen haben möge. Kopfschüttelnd erwidert Schiller:Das ist keine Erfahrung, das ist eine Idee. Einen Augenblick stutzt Goethe; dann antwortet er, es sei ihm erwünscht, mehr solcher Ideen zu haben. Wir lassen die Männer gehen und staunen über die Treffsicherheit des Schillerschen Urteils, das in der kürzesten Formel das Wesen der beiden Männer gekennzeichnet und zugleich angedeutet hatte, was ein jeder dem andern geben, was von ihm empfangen könne. Erfahrung und Ideen spielen in Schillers Wirken eine große Rolle.

Die Erfahrung freilich zunächst negativ. Sie fehlte ihm. Ihre Bedeutung aber erkannte er bald und rang nach ihrem Erwerb. Es handelt sich natürlich nicht um Erfahrung im trivialen, sondern erkenntnistheoretischen Sinne des Wortes, nicht um Geschäfts- oder Menschenkenntnis, um kluge Lebensregeln, sondern um die Quelle geistiger Erkenntnis überhaupt. Was Goethe in so hohem Grade besaß, was den Gedanken und der Sprache seiner Dichtung die Anschaulichkeit, das Gegenständliche verlieh, das hat Schiller nicht besessen, aber schnell zu würdigen und anzustreben gelernt. Den Ibykus aus Rhegion am leichtenStabe wandern zu lassen, obgleich er in selbiger Stadt zu Schiffe geht, das Mägdlein in des UfersGrün zu versetzen, obgleich brausender Sturm- wind grau in grau zu malen pflegt, das wäre Goethe nimmer passiert. Noch vor wenig Jahren spottete Schiller derer, die lieber Kräuter suchen oder Mineralien sammeln, als sich in die Ideenwelt erheben. Jetzt aber versteht er Goethesbeobachtenden Blick, der so still und rein auf den Dingen ruht, und rühmt es, wie Goethevon der Anschauung

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