Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
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seinem Söhnchen. Schiller nahm alsbald den Kleinen auf den Arm und tanzte mit ihm hüpfend die Straße entlang. Der erstaunte Knabe fragte nachher den Vater, wer das eigentlich gewesen, und hat als älterer Mann in seinen Memoiren die Szene aufgezeichnet. In Jena waren Studenten Schillers ständige Tischgenossen. Und als er einmal schwer erkrankte, stritten sich die jungen Leute darum, wer bei ihm Nachtwache halten dürfe. Demselben Grunde entspringt sein Zartgefühl den Frauen gegenüber. Vor dem weib- lichen Geschlechte hatte er eine unbegrenzte Hochachtung. Selbst aus den Verzerrungen einer Amalia und Laura blickt diese ideale Anschauung hervor.Schiller berührte nichts gemeines, ohne es zu veredeln, sagte Goethe von ihm. Welche Würde des Benehmens aber, welchen Adel der Gesinnung, welche Kraft der Aufopferung verlieh er den Ge- stalten einer Thekla, Maria, Johanna! Als er die Herzogin Luise als Pate zur Taufe eines Kindes eingeladen hatte, antwortete sie ihm mit den Worten:Seien Sie versichert, daß ich dieses gütige Anerbieten mit Freude und Dankbarkeit annehme als Beweis Ihres Zutrauens und Ihrer gütigen Gesinnung für mich, den ich gewiß zu schätzen weiß. So dankte die warmherzige Fürstin dem reinherzigen Verehrer ihres Geschlechtes. Wer die Räuber liest, gewinnt ja wohl den Eindruck, als wühle der jugendliche Dichter mit, Wonne in den unsaubersten Bildern. Indessen das sind Produkte nicht der Erfahrung, sondern der Vorstellung. Nicht der Dichter oder Mensch, sondern der unfertige Mediziner ist's, der hier das Wort führt. Nach einem studentischen Witz ist jeder medizinische Anfänger eine zeitlangMedizyniker. Das scheint so zum Handwerk zu gehören. Einen Beweis für häßliche Gesinnung oder gemeine Lebensweise bildet es nicht. Schiller blieb rein, auch in jüngeren, unreiferen Jahren. Man hat mit Recht gesagt, er dürfe sich Grillparzers Wort zu eigen machen:Rein war mein Herz und rein war all mein Streben. Er hätte hinzufügen dürfen:Rein war die Liebe mir und rein mein Leben. Trotz zahlreicher innererHäutungen, die auch er durch- gemacht hat, ist Schiller eine feste, in sich geschlossene Persönlichkeit gewesen, als Mensch wie als Dichter. Von wenig deutschen Dichtern läßt sich mit soviel Recht wie von ihm sagen, daß ihn nur halb kennt, wer bloß seine Dichtungen kennt. Auch der Mann ist eine Größe ersten Ranges. Er war nichts weniger als ein Stubenhocker oder Bücherwurm. Sonst hätte ihn nicht geekelt vor dem tintenklecksenden Säkulum, wenn er in seinem Plutarch las von großen Menschen. Er spürte etwas in sich von der Kraft des Heldentums. Sonst hätte Wilhelm von Humboldt nicht an ihn geschrieben:Für Sie braucht man das Schicksal nur um Leben zu bitten; die Kraft und die Jugend sind Ihnen von selbst gewiß. Darum gelingt ihm die Zeichnung eines Wallenstein oder Gustav Adolf so trefflich. Militärs sind doch gewiß Helden der Tat. Wie hat aber der junge Schiller seine Vorgesetzten bis zum Fürsten hinauf beschämt, als er mit Geduld und Geschick auf die selbstmörderischen Grillen eines hypochondrischen Kameraden ein- gehend zuletzt durch Konsequenz den bösen Geist der Krankheit bannte, während dessen aber beinahe eingesperrt worden wäre, da ihn pedantische Kurzsichtigkeit des Einver- ständnisses mit der vermeintlichen Widersetzlichkeit des Trotzkopfs beschuldigte. Gleich seinem Vater, dessen tüchtige Art der Sohn geerbt hat, hat er sich mit strebender Kraft und ringender Energie seinen Lebensweg selbst gebahnt. Seine Flucht ist nicht das Werk eines Träumers oder Schwächlings. Caspar Schiller pflegte zu sagen:Mit Be- harrlichkeit kann man selbst die pontinischen Sümpfe austrocknen. Friedrich Schiller schrieb den Satz:Und Beharrung führt zum Ziel. Das hat seinem Wesen und Dichten