Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
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in Schiller verändert! Die Freundschaft beginnt mit einem fast lallenden Erguß des Unwillens über einen vermeintlichen Treubruch Scharffensteins und mit jener von Streicher unterstützten kopf- und mittellosen Flucht aus Stuttgart; sie endet mit dem Idealbunde zwischen Schiller und Goethe. Die Freiheit trägt in jener glänzenden Kette von Unmöglichkeiten und Ungeheuerlichkeiten, die sichDie Räuber nennen, die Züge ihrer Karikatur, der Frechheit, und verklärt sich zu den höchsten Begriffen sittlicher und ästhetischer Gedanken. Wahrlich, wer diesen schnellvollzogenen und durchgreifenden Wandel überschaut, der spürt den Riesenschritt und den Siegerschritt des Genius.

Wir wandern weiter. Es ist der 26. Mai des Jahres 1789. Wir sind in Jena und gehen gegen Abend zur Universität. öberall stehen Trupps von Studenten. Der Hörsaal ist längst gefüllt und faßt nur den kleinsten Teil der Zuströmenden. Es heißt, von den neunhundert Studenten der Universität seien fünfhundert anwesend, um Schillers erstes Kolleg zu hören. Da wird der Vorschlag laut, vor die Stadt zu ziehen; das Auditorium des Professor Griesbach könne alle Anwesenden fassen. Sofort beginnt ein allgemeiner Sturmlauf; jeder will sich einen Platz sichern. Die ehrsamen Bürger denken an Feuerlärm; am Schloß stürzt die Wache ins Gewehr. Ganz Jena ist in Aufregung, als solle die eben drohende französische Revolution hier ihren Anfang nehmen. Auch wir erobern uns einen Platz im Hörsaal. Endlich naht Schiller. Den Kopf mit dem welligen Haar, den leuchtenden Augen, der kühngeschwungenen Nase trägt er hoch. Rock und Hemdkragen sind zurückgeschlagen und lassen den Hals frei. Mit leiser Stimme beginnt er, als taste er vorsichtig nach Fühlung mit den Hörern. Schnell aber gewinnt sein Vortrag an Kraft und Sicherheit, und nun strömen die Worte klar und mächtig auf uns ein. Er schildert den Unterschied zwischen dem philosophischen Kopf, der die Wissen- schaft nur um der Wahrheit willen treibt, und dem Brotgelehrten, der sie als die melkende Kuh ansieht, die ihn mit Butter versorgt. Als er geendet, erfüllt brausender Jubel den Raum. Wir aber sitzen sinnend und fragen uns: Was war das eigentlich, was wir da gehört haben? Als wir unseren Schiller auf das Katheder treten sahen, freute uns der Gedanke, nun sei er im sichern Port angelangt; in ehrenvollem Amte und gesicherter Existenz werde er der Sorgen in Zukunft enthoben sein. Sofort aber beschlich uns auch das bange Gefühl, nun sei der Pegasus im Joche; nun werde er erst recht lebhaft zu kosten bekommen, wie wenig das Ideal und das Leben miteinander stimmen. Jetzt haben wir ihn gehört. Jetzt wissen wir, den Pegasus hält kein Joch; er wird die Fesseln zerreißen und zu den blauen Höhen entschweben. Dieser Dichter wird nur in vorüber- gehenden Augenblicken gedrückter Mißstimmung vielleicht einmal vergessen, daß trotzdem und trotz alledem die Ideale allein es sind, die dieses Leben des Lebens wert machen. Was hat uns diese felsenfeste Überzeugung beigebracht? Das tat der heilige Ernst und der unerschütterliche Glaube, der uns aus seinen Worten so hell und warm entgegen- strahlte, wie die Sonnenscheibe am Himmel. Ernst und Glaube, das ist ein neues Paar sittlicher Kräfte, die unseren Schiller beherrscht und gefördert haben.

Tiefer Ernst lagert über seinem ganzen Wesen.Nur dem Ernst, den keine Mühe bleichet, rauscht der Wahrheit tief versteckter Born. Ihm dankt er jenes unermüdliche Vorwärtsdrängen, das nie auf einer Leistung selbstgefällig und pehaglich ausruht, sondern sofort in einer neuen Arbeit Besseres und Höheres zu schaffen hofft. Ihm dankt er, daß sein Streben, den Sprüchen des Confucius gemäß, in Länge, Breite und Tiefe sich dehnte, daß ihn Beharrung zum Ziel, Fülle zur Klarheit, Gründlichkeit zur Wahrheit führte. Ihm dankte