Aufsatz 
Schillerrede, gehalten am 9. Mai 1905
Entstehung
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Medizin über, sobald auf jener Schule Unterricht für sie eingeführt wurde. So wurde er Regimentsmedikus. Die Flucht, die ihn aus Stuttgart in die Pfalz und aus der Prosa in die Poesie rettete, entzog ihn auch diesem Studium. Er wurde in Mannheim Theater- dichter, dann nach vielen Irrfahrten in Jena Geschichtsprofessor, endlich in Weimar wieder Theaterdichter. So ist er glücklich durch alle vier Fakultäten durchgehetzt worden. Dazu gesellte sich die Sorge um die Existenz. Lange Jahre schlug oft da, wo er eine Aussicht auf Einnahme zu sehen geglaubt, die Hoffnung fehl. Er mußte wieder- holt Schulden machen: Schulden, um als Dichter sich zu halten, Schulden, um sein Leben zu fristen. Manchmal hat er am Morgen nicht gewußt, wovon er am Abend satt werden sollte. Der Dichter war bei der Teilung der Welt zu kurz gekommen. Kein Wunder, wenn er von seinemoft harten Verhängnis spricht. Als auch diese Sorge von ihm genommen war, da kam die Sorge um die Gesundheit. Im letzten Jahrzehnt wird die Geschichte seines Lebens großenteils zu einer Geschichte seines Sterbens. Mehrfach ist er monatelang von Fiebern und Krämpfen geschüttelt worden. Nach seinem Tode fand man eine fast völlige Zerstörung beider Lungenflügel und eine durch Entzündungen hervorgerufene Erkrankung vieler edler Organe. Jahrelang muß es der Wille allein ge- wesen sein, der diesen morschen Körper aufrecht hielt und sich dienstbar machte. Dieser Mann dichtete nicht bloß, sondern erlebte den Vers:Es ist der Geist, der sich den Körper baut. So ist Schiller sein Leben lang ein Kind der Sorge gewesen. Den Kampf ums Dasein hat er gründlich kennen gelernt. Schon an seinem Beispiel allein hätte Goethe die Wahrheit seines Wortes erweisen können:Mensch sein, heißt ein Kämpfer sein. Doch wohin sind wir geraten? Haben wir unsern Spaziergang vergessen? Mit nichten. Unser Weg ist nicht der Erholung, sondern der Erbauung geweiht. Unsere Wanderung ist kein Spiel, sondern Ernst. Zum Werke aber, das wir ernst bereiten, ge- ziemt sich wohl ein ernstes Wort.

Setzen wir unsern Spaziergang fort. Es ist der 22. September des Jahres 1782. Schon werden die Abende länger. Wir eilen noch vor Einbruch der Nacht nach Stuttgart zu kommen. Durch das Eßlinger Tor betreten wir die Stadt. Nach wenigen Schritten sehen wir vor einem Hause einen Wagen stehen. Er ist mit einem kleinen Klavier und zwei Koffern beladen. Zwei junge Männer kommen eilig die Treppe herunter und steigen ein. Wir folgen dem langsam fahrenden Wagen zum Eßlinger Tore. Hier ruft die Wache:Halt! Wer da?Doktor Ritter und Doktor Wolf auf der Fahrt nach EßBlingen, lautet die Antwort. Eine bange Minute folgt. Endlich heißt es:Passiert! Und der Wagen verläßt die Stadt. Wir wundern uns nicht, daß er alsbald umbiegt und statt nach Eßlingen gen Bretten fährt. Sofort haben wir ja in dem einen der beiden Männer Friedrich Schiller erkannt, in dem andern seinen Freund Andreas Streicher ver- mutet. Wir wissen, der Deserteur Schiller entzieht sich durch die Flucht dem Verbote seines Herzogs, zu dichten und zu drucken. So fährt er denn hinaus in das Dunkel der Nacht und das Dunkel der Zukunft, die Freundschaft zur Seite, die Freiheit in Sicht. Freundschaft und Freiheit, das ist das zweite Paar großer sittlicher Kräfte, die Schillers Leben und Dichten beherrscht haben.

Zunächst die Freundschaft. Er redet sie einmal mit den Worten an:Du, die du alle Wunden heilest, der Freundschaft leise, zarte Hand, des Lebens Leiden liebend teilest, du, die ich frühe sucht' und fand. Frühe hat er Freunde gesucht und gefunden, schon auf der Schule v. Scharffenstein, Hoven, Conz. Selten erhalten sich Schülerfreund-