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räte oder Maſchinen erforderlich geweſen, namentlich von Eiſen; das haben andere Menſchen in Bergwerken aus der Erde gegraben, in Hüttenwerken ausgeſchmolzen, in Werkſtätten oder Fabriken verarbeitet. Dann iſt das Getreide fortgefahren worden, auf einem Wagen, auf einem Eiſenbahnzuge oder zu Schiff, vielleicht Tauſende von Kilometern weit; der Wagen, der Eiſenbahnzug, das Schiff iſt wieder von anderen Menſchen erbaut worden und ebenſo die Fahrſtraße, auf welcher der Wagen, oder die Eiſenbahn, auf welcher der Zug gelaufen iſt. Darauf iſt das Getreide zu einem Müller gekommen, der es auf ſeiner Mühle, die wie⸗ der andere Menſchen gebaut haben, gemahlen hat; und das Mehl zu einem Bäcker, der daraus in ſeinem Backofen, welchen wieder andere Menſchen gebaut haben, das Brot gebacken hat. Dazwiſchen ſind noch Kaufleute thätig geweſen, die den Verkehr aller dieſer Menſchen mit einander vermittelt haben; und ſo haben nicht Hunderte oder Tauſende, ſondern Millionen von Menſchen fleißig gearbeitet, bloß damit wir ein Stück Brot haben.
In unſerm Klima brauchen wir zur Erhaltung unſeres Lebens nicht bloß Nahrung, ſondern auch Kleidung; nehmen wir wieder nur das Einfachſte, ein Hemd. Wenn es von der billigſten Sorte iſt, iſt es aus Baumwolle verfertigt. Dieſe Baumwolle iſt auf einer Pflanzung in den Vereinigten Staaten von Amerika oder in Oſtindien gebaut und durch Maſchinen gereinigt worden; dann iſt ſie zu Schiff nach England oder Deutſchland gebracht und hier in einer Maſchinenſpinnerei zu Garn verſponnen, und daraus iſt in einer Maſchi⸗ nenweberei ein Stoff gewoben worden, welcher dann durch die Hände mehrerer Kaufleute gegangen iſt, bis etwa unſere Mutter ein Stück davon gekauft und daraus das Hemd ge⸗ macht hat. In dem Hemdde ſteckt demnach die Arbeit des Plantagenbeſitzers und der Plan⸗ tagenarbeiter, der Fabrikbeſitzer und Fabrikarbeiter, der Schiffer, Eiſenbahnbeamten und Kauf⸗ leute, ferner aller der Menſchen, welche die Pflanzung angelegt, das Schiff, die Fabriken, die Maſchinen und die Eiſenbahnen gebaut haben, endlich die Arbeit der Entdecker und Erfinder, die alledem vorangehen mußte,— alſo wieder die Arbeit von Millionen von Menſchen, welche geleiſtet werden mußte, bloß damit wir ein Hemd auf dem Leibe haben.
Und genau ſo ſteht es mit jedem anderen der zahlloſen Gegenſtände, die wir von frü⸗ heſter Kindheit an gebraucht haben. Unzählbare Millionen von Menſchen aller Zeiten, Länder und Völker ſind in Arbeit und Verkehr thätig geweſen, um alles das zu liefern, was zur Erhaltung unſeres Lebens notwendig war und iſt.
Aber auch damit ſind wir noch lange nicht zu Ende.
Unſere Vorfahren haben in zahlloſen Fehden und Kriegen nicht bloß ihr Land, ſondern auch Weib und Kind gegen feindliche Angriffe verteidigen müſſen. Millionen deutſcher Män⸗ ner ſind in den Tod gegangen, um ihre Weiber und Kinder oder ihre Brüder und Schweſtern vor Tod oder Knechtſchaft, Not und Elend zu retten. Die Nachkommen der Geretteten ſind wir: dem Heldenmut, der todesverachtenden Tapferkeit jener Männer verdanken auch wir unſer Leben.
Jedoch die Tapferkeit allein hätte hierzu nicht ausgereicht. Denn die Deutſchen hatten in früheren Zeiten nicht bloß mit fremden Völkern zu kämpfen, ſondern ſie führten auch unter einander beſtändig Kriege. Dadurch hätten ſie ſich entweder ſelbſt aufgerieben, oder ſie wären die Beute ihrer Nachbarn geworden, wenn es nicht gelungen wäre, unter ihnen ſelbſt Frieden herzuſtellen, d. h. eine Ordnung, nach welcher nicht mehr jeder Einzelne mit Gewalt oder Liſt thut, was ihm gerade angenehm iſt oder einfällt, d. h. den Andern ermordet, verletzt, mißhandelt, beraubt, beſtiehlt, betrügt oder belügt, ſondern nur das, was ihm durch das Recht erlaubt iſt, d. h. durch das, was alle als recht, d. h. richtig anerkennen. Die Her⸗ ſtellung einer ſolchen Ordnung iſt in Deutſchland ein ſehr ſchwieriges und langwieriges Werk geweſen. Die erſten Rechtsgrundſätze wurden nur mündlich fortgepflanzt, dann(ſeit 500 n. Chr.) allmählich aufgezeichnet und vermehrt; dieſe Aufzeichnungen heißen Geſetze. Zur Wirk⸗ ſamkeit des Rechtes gehört aber auch eine Gewalt, welche das Recht aufrecht erhält, d. h. die Übertreter der Geſetze verfolgt und beſtraft und dadurch Jedermann zu ihrer Befolgung zwingt. Solche Gewalten herzuſtellen iſt den alten deutſchen Königen und Kaiſern nur ſehr unvollkommen gelungen. Erſt nach dem Zerfall des alten Reiches in viele Städte und Fürſtentümer ſind aus dieſen Staaten entſtanden, d. h. menſchliche Gemeinſchaften, in welchen das Recht auch die Macht hat, und die Macht ſich nach dem Rechte richtet. Sie


