Aufsatz 
Versuch einer Gesellschafts-, Rechts- und Staatslehre für Schüler : 1. Teil
Entstehung
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haben die Räuber und andere Übelthäter ausgerottet und dadurch die öffentliche Sicherheit hergeſtellt, welche heute bei uns beſteht. Zwar waren zunächſt noch dieſe Staaten unter ſich uneins, und ſo kam es, daß noch im 17. und 18. Jahrhundert feindliche Heere häufig den deutſchen Boden betraten. Aber 1813 iſt dies zum letzten Male geſchehen, 1866 haben die Deutſchen den letzten Krieg unter einander geführt und darauf vereint 1870 den letzten feindlichen Angriff ſiegreich zurückgewieſen, um dann ſeit 1871 im neuen deutſchen Reiche vereint zu bleiben. Auch den Männern alſo, welche dieſe Ordnungen mit Weisheit und Gerechtigkeit, mit Thatkraft und Tapferkeit geſchaffen und erkämpft haben, verdanken wir unſer Leben, und ebenſo allen denen, welche ſie durch Rechtſchaffenheit und Gehorſam gegen die Geſetze, durch Treue und Redlichkeit, durch Gemeinſinn und Vaterlandsliebe aufrecht erhalten haben; denn jede Ordnung iſt hinfällig, welche nicht durch die Mehrheit des Volkes geſchützt und getragen wird.

Unſer Leben iſt aber nicht nur von manchen Menſchen, ſondern auch von der Natur bedroht. Trotz aller Pflege ſind wir(und ebenſo unſere Eltern und Vorfahren) als kleine Kinder öfters krank geweſen und dann und wann einmal wohl auch noch ſpäter; wären wir nicht geheilt worden, ſo wären wir mit einem dauernden Gebrechen behaftet oder wohl gar nicht mehr am Leben.¹) Der uns geheilt hat, war ein Arzt; und er hat uns geheilt vermöge ſeiner Wiſſenſchaft, der Medizin oder Heilkunde, welche er ſich durch langes und mühevolles Studium erworben hat. Er hat ſie aber nicht ſelbſt erdacht das wäre einem einzelnen Menſchen unmöglich, ſondern ſie iſt von vielen tauſenden der klügſten und gelehrteſten Männer, nicht bloß unſeres Volkes, ſondern auch anderer Völker, ſogar ſchon der alten AÄgypter und Griechen, in mehr als fünftauſendjähriger Arbeit durch unabläſſige Beobach⸗ tungen und Verſuche zu Stande gebracht, und noch immer ſchreitet ſie fort. Und ſie heilt uns nicht bloß von Krankheiten und befreit uns von Gebrechen, ſondern ſie ſchützt jetzt auch, ohne unſer Wiſſen, täglich und ſtündlich unſere Geſundheit, indem ſie die unzähligen Millionen von unſichtbaren Krankheitskeimen, welche uns mit Infektions⸗ d. h. anſteckenden Krankheiten bedrohen, mehr und mehr unſchädlich macht, was durch die öffentliche Geſundheitspflege oder Hygiene geſchieht.²) Die Medizin beruht aber auf den Naturwiſſenſchaften, dieſe auf der Mathematik, und da dieſe Wiſſenſchaften nicht erſt von unſerem Volke geſchaffen, ſondern be⸗ reits von den Völkern des Altertums begründet und von verſchiedenen Völkern der Neuzeit weiter entwickelt ſind, ſo gehört zu ihrem Studium auch Sprachkunde, und dazu wieder an⸗ deres u. ſ. w.; denn alle Wiſſenſchaften hängen irgendwie mit einander zuſammen. Wir verdanken unſere Geſundheit alſo auch den Wiſſenſchaften und damit allen Kulturvölkern, d. h. allen Völkern des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit, welche mit unermüd⸗ lichem Fleiß an dem Fortſchritt der Wiſſenſchaften, d. h. an der Erforſchung der Wahrheit, gearbeitet und ſie uns überliefert haben.

Ziehen wir nun aus dieſen Betrachtungen das Ergebnis.

Die Menſchen, welchen wir unſer Leben verdanken, ſind unſere Eltern, unſere Vor⸗ fahren, unſer Volk und alle übrigen Kulturvölker, ja beinahe die geſamte Menſchheit.

Die menſchliche Thätigkeit, welcher wir es verdanken, iſt die Arbeit(zu welcher auch der Kampf und der Betrieb der Wiſſenſchaften gehören).

Die menſchlichen Einrichtungen, welchen wir es verdanken, ſind der wirtſchaftliche Ver⸗ kehr und das Recht.

Die menſchlichen Gemeinſchaften, welchen wir es verdanken, ſind die Familie, der Staat und das Reich.

Die menſchlichen Eigenſchaften oder Handlungsweiſen, welchen wir es verdanken, ſind Mäßigkeit und Keuſchheit, Fleiß und Arbeitſamkeit, Sparſamkeit und Wirtſchaftlichkeit, Tapfer⸗ keit und Thatkraft, Treue und Rechtſchaffenheit, Redlichkeit und Wahrheitsliebe, Weisheit und Gerechtigkeit, Opferwilligkeit und Hingebung, Gemeinſinn und Vaterlandsliebe.

¹) Auch jetzt noch ſterben in Deutſchland von 100 Kindern im erſten Lebensjahre 23.

2) In München z. B. iſt dadurch die Sterblichkeit, welche 1877 noch 33 unter 1000 Einwohnern betrug, bis 1892 auf 26 heruntergegangen. Im preußiſchen Heere erkrankten im Jahre 1869 noch über 22 000, 1879 nur noch 11 500 und 1889 nur noch 4700 Soldaten an Infektionskrankheiten, obwohl die Kopfſtärke des Heeres ſeit 1870 beträchtlich vermehrt worden iſt. 3