Aufsatz 
Versuch einer Gesellschafts-, Rechts- und Staatslehre für Schüler : 1. Teil
Entstehung
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I. Wem verdanken wir unſer Leben?

Unſer Leben verdanken wir zunächſt unſeren Eltern: unſer Vater hat uns erzeugt, unſere Mutter unter den heftigſten Schmerzen, ja mit Todesgefahr geboren.

Dasſelbe gilt von den Eltern unſerer Eltern, und wieder dasſelbe von deren Eltern und ſo fort. Wir haben aber 4 Großeltern(2 Großväter und 2 Großmütter), 8 Urgroß⸗ eltern(4 Urgroßväter und 4 Urgroßmütter), 16 Ahnen in der 5. Generation, 32 Ahnen in der 6. Generation. Wenn wir ſo weiter rechneten, ſo würden wir ſchon in der 25. Gene⸗ ration, welche ums Jahr 1100 n. Chr. lebte, auf mehr als 8 Millionen Ahnen kommen; und ſo viel Menſchen lebten damals in Deutſchland nicht. Die Rechnung würde deswegen irrig ſein, weil bereits Urenkel ein und desſelben Paares einander geheirathet haben können; daher ſteigt die Zahl der Ahnen, je weiter hinauf, deſto langſamer. Immerhin können wir annehmen, daß bereits die meiſten Menſchen, welche um das Jahr 500 n. Chr. Deutſchland bewohnten es waren nur wenige Millionen und weiterhin alle Vorfahren dieſer Men⸗ ſchen unſere direkten Vorfahren ſind. Millionen von Müttern haben alſo für uns Schmerzen und Todesgefahr erlitten: ihnen allen verdanken wir unſer Leben.

Und wenn wir einen geſunden Körper und einen geſunden Geiſt haben, ſo verdanken wir beides ebenſo vielen Millionen von Vätern und zwar von rechtſchaffenen und tüchtigen Vätern. Denn wäre unter dieſen auch nur ein Trunkenbold geweſen oder einer, der ſich durch andere Ausſchweifungen geſchwächt hätte, ſo exiſtierten wir entweder gar nicht, oder wir wären ſiech an Körper oder Geiſt. Freilich hat es auch Väter ſolcher Art gegeben; aber unſere Vorfahren ſind dieſe nicht, denn deren Nachkommenſchaft iſt längſt ausgeſtorben. Wir verdanken unſer Leben alſo auch der Mäßigkeit und Keuſchheit unſerer Vorfahren.

Unſere Geburt iſt aber nur der Anfang unſeres Lebens. Nach unſerem Eintritt in dasſelbe ſind wir noch lange die hilfloſeſten Geſchöpfe von der Welt, mit einer Menge von Bedürfniſſen behaftet und doch nicht einmal im Stande ſie kundzugeben, ja ſelbſt ohne Be⸗ wußtfein dieſer Bedürfniſſe, alſo dem ſicheren Tode verfallen, wenn nicht die hingebendſte, liebevollſte Fürſorge ſich unſer annimmt. Auch dieſe iſt uns von unſeren Eltern zu Teil geworden und zwar wiederum zunächſt von unſerer Mutter. Sie hat uns genährt und ge⸗ kleidet, gereinigt und gebettet, und das nicht einmal oder einige Male, ſondern in vielen mühevollen Tagen und ſchlafloſen Nächten. Unſer Vater hat indes, was für ſie und uns nötig war, durch ſeine Arbeit beſchafft, und beide haben es durch Sparſamkeit und Wirt⸗ ſchaftlichkeit zuſammen gehalten. Und dasſelbe haben, als ſie kleine Kinder waren, ihre Väter und Mütter an ihnen gethan, und ebenſo, wiederum die Reihe der Geſchlechter hinauf, die Millionen von Vätern und Müttern, welche unſere Vorfahren ſind. Wir verdanken alſo unſer Leben auch der Opferwilligkeit und Hingebung, dem Fleiß und der Arbeit⸗ ſamkeit, der Sparſamkeit und Wirtſchaftlichkeit unſerer Vorfahren. Denn wo es ein Vater oder eine Mutter daran fehlen ließ, ſind die Kinder verkommen; unſere Vor⸗ fahren ſind ſie nicht.

Trotz aller Mühe und Sorgfalt aber hätten unſere Eltern allein doch unſer Leben nicht erhalten können; dazu iſt noch viel mehr notwendig geweſen.

Zunächſt das Land, welches wir bewohnen, mit dem Waſſer, das wir trinken, mit der Luft, die wir atmen, mit dem Sonnenlicht, das uns leuchtet und uns wärmt; denn nicht überall giebt es Waſſer, nicht überall atmet man reine und geſunde Luft, und nicht überall ſcheint täglich die Sonne. Daß wir das alles haben, verdanken wir wieder unſern Vorfahren; die haben dies Land blutig erkämpft und in vielen und ſchweren Kriegen tapfer verteidigt und behauptet..

Dann unſere Nahrung. Die hat unſer Vater für uns beſchafft; aber woher hat er ſie genommen? Denken wir nur an das Einfachſte, ein Stück Brot, das uns die Mutter ge⸗ geben hat, um unſern Hunger zu ſtillen. Das Getreide, aus welchem es bereitet iſt, iſt von irgend einem Landmann in Deutſchland oder Rußland oder Amerika gebaut worden. Dazu hat er oder einer ſeiner Vorgänger das Land, auf welchem es gebaut iſt, erwerben und ur⸗ bar machen müſſen, was ſehr viel Mühe und Arbeit gekoſtet hat; dann hat er es gepflügt, gedüngt, beſäet, abgeerntet und die Ernte ausgedroſchen. Zu alledem ſind mancherlei Ge⸗