Aufsatz 
Versuch einer Gesellschafts-, Rechts- und Staatslehre für Schüler : 1. Teil
Entstehung
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Verſuch einer Geſellſchafts⸗ Rechts⸗ und Staatsleßteſi ſiler. Erſter Teil.

Hffne den umwölkten Blick Über die tauſend Quellen A Neben dem Durſtenden

In der Wüſte.

(Göthe, Harzreiſe im Wrxt.

* Vorbemerkung. D

Rudolf v. Ihering ſagt in ſeinem ausgezeichneten Werke über denZweck im Recht(Bd. 13, S. 558 f.):

Es bedarf nicht der Wiſſenſchaft, um den denkenden Menſchen daruͤber aufzuklären, in welchem Maße er ſeine Rechnung im Staate findet; das bloße Aufſchlagen des Auges reicht aus um dies wahrzunehmen. Für die urteilsloſe Maſſe iſt aber letzteres ſchon zu viel verlangt. Wenn man ihre Klagen vernimmt über die Laſten und Beſchränkungen, die der Staat auferlegt, möchte man glauben, daß er mehr eine Plage als eine Wohlthat ſei. Die Vorteile, welche er gewährt, betrachtet ſie als ſelbſtverſtändlich dazu iſt er ja da! oder richtiger, ſie wird ſich ihrer gar nicht bewußt; es verhält ſich mit dem Staate wie mit dem Magen, von dem man nur ſpricht, um über ihn zu klagen, den man nur empfindet, wo er unbequem wird. Alles wird in unſerer heutigen Zeit dem Verſtändnis des Volkes nahe gebracht: die Natur, die Geſchichte, die Kunſt, die Technik; es giebt kaum einen Gegenſtand, über den der Laie ſich nicht aus einer allgemein faßlichen Darſtellung belehren könnte. Nur der Staat und das Recht, die ihn ſo nahe berühren, machen davon eine Ausnahme; und doch ſollte billigerweiſe nicht bloß der Gebildete, ſondern auch der Mann des Volkes die Gelegenheit haben, ſich darüber zu belehren, was ſie für ihn thun, und warum ſie im Weſentlichen nicht anders beſchaffen ſein können, als ſie es ſind. Ich habe früher daran gedacht, dieſem Mangel durch einen auf den Bürger und Bauer berechneten Rechtskatechismus für das Volk abzuhelfen. Das Ziel, das mir vorſchwebte, war eine Ver⸗ ſöhnung des unbefangenen Urteils mit den Einrichtungen, an denen es ſo vielfach Anſtoß nimmt, eine Apo⸗ logetik des Rechts und Staates vor dem Forum des einfachen geſunden Menſchenverſtandes nach Art des Vorbildes von Juſtus Möſer. Ich habe mich überzeugt, daß die Aufgabe meine Kräfte überſteigt; möge ein Anderer ſie aufnehmen. Wer ſie richtig ausführt, kann ſich ein großes Verdienſt um die Geſellſchaft erwerben, aber er muß denken als Philoſoph und ſprechen als Bauer.

Etwas der Art ſoll, mit der Beſchränkung auf Schulzwecke, im Folgenden verſucht werden.

Einleitung.

Unſere Eltern und andere Menſchen haben uns von unſerer frühen Kindheit an geſagt: Das und das iſt gut, das und das iſt ſchlecht; jenes ſollſt du thun, dieſes ſollſt du nicht thun. Und dieſe Gebote und Verbote treten uns entgegen, ſo lange wir leben.

Woher kommt das?

Die Antwort auf dieſe Frage giebt die Ethik oder Moral oder Sittenlehre, welche lehrt, was gut und ſchlecht iſt, und warum.

Das intereſſiert manche Menſchen zunächſt vielleicht ſehr wenig: ſie wollen nicht thun was gut, ſondern was ihnen angenehm, und nicht unterlaſſen, was ſchlecht, ſondern was ihnen unangenehm iſt. Denn kein Menſch will unglücklich ſein oder werden, jeder Menſch will glücklich ſein oder werden; ſie glauben aber, das Angenehme ſei eben das Glück und das Unangenehme das Unglück.

Dies iſt nun nicht ganz richtig; denn eine ſehr ſüße Speiſe kann z. B. ein tödliches Gift, und ein ſehr bitterer Trank eine rettende Arznei ſein. Wir werden alſo doch genauer unterſuchen müſſen, worin wir unſer Glück ſuchen ſollen und worin nicht.

Um dieſe Frage zu beantworten, werden wir am ſicherſten gehen, wenn wir zuſehen, wer oder was denn uns bisher vor Unglück bewahrt oder gerettet und Glück verſchafft hat.

Um glücklich ſein zu können, müſſen wir zunächſt überhaupt leben. Wir fragen alſo zuerſt:

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