Aufsatz 
Das Prinzip der Politik Bismarcks. Festrede am 27. Januar 1890
Entstehung
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Kaiſer Wilhelm I ſchrieb am 18. Dez. 1881 Bismarck einen ſonderbaren Traum, den er in der vorhergehenden Nacht gehabt hatte. Darauf antwortete Bismarck:Eurer Majeſtät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den ſchwerſten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menſchliches Auge keinen gangbaren Ausweg ſah. Mir träumte, und ich erzählte es ſofort am Morgen meiner Frau und anderen Zeugen, daß ich auf einem ſchmalen Alpenpfad ritt, rechts Abgrund, links Felſen; der Pfad wurde ſchmaler, ſo daß das Pferd ſich weigerte, und Umkehr und Abſitzen wegen Mangels an Platz unmöglich; da ſchlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand ſtürzte wie eine Couliſſe und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, Preußiſche Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das ſchleunig Eurer Majeſtät melden könnte.

Ich möchte glauben, verehrte Anweſende, daß dieſer Traum ſich wohl meſſen kann mit jenem berühmten Traume des Kurfürſten Friedrich des Weiſen von dem Mönch, welcher an die Thür der Schloßkirche zu Wittenberg ſchrieb mit einer Feder, welche wuchs und wuchs, bis ſie nach Rom reichte; es beſteht nur der Unterſchied, daß der Traum des Kurfürſten bloß der Sage angehört, der Traum Bismarcks aber hiſtoriſch iſt. Was aber bedeutet der Traum?

Man kann ihn wohl verſchieden deuten; ich meinerſeits möchte ihn zu der noch fehlen⸗ den Zuſammenfaſſung des heute Geſagten benutzen. Rechts der Abgrund der fremden Inter⸗ eſſen, der Legitimitätspolitik; links das weite, offene Land der wahren eignen Intereſſen, aber verdeckt durch die ſcheinbare Felswand der ſcheinbaren eignen Intereſſen.

Und die Gerte, welche ſo unendlich lang wird und die Felswand ſtürzt? Eine Gerte iſt ein unſcheinbares Ding; und ebenſo unſcheinbar und doch ſo mächtig iſt auch das Prinzip der Bismarck'ſchen Politik: Klare praktiſche Ziele ſind nur die wahren eignen Intereſſen unſeres Staates und Volkes; ſo lange ſolche nicht vorliegen, iſt äußerſte Zu⸗ rückhaltung geboten, um alle Möglichkeiten des Handelns ſo lange als möglich offen zu halten; ſobald ſie aber vorliegen, größte Entſchloſſenheit, wovon Bismarcks Verfahren mit der Emſer Depeſche das leuchtendſte Beiſpiel iſt.

So unſcheinbar dieſes Ergebnis auch ausſehen mag, ſo glaube ich doch, verehrte An⸗ weſende, nicht zuviel geſagt zu haben, wenn ich im Anfange meiner Rede das Buch Bis⸗ marcks mit Göthes Fauſt verglich. Es liegt hier wirklich mehr vor als eine bloße äußerliche Ähnlichkeit in den äußeren Umſtänden, unter denen beide Werke erſchienen ſind. Göthes Fauſt gipfelt ebenfalls in einer ſehr einfachen Lehre, in der nämlich, daß der einzelne Menſch zu höchſter Befriedigung nicht durch irgend welchen Genuß, und ſei es auch wiſſenſchaftlicher oder äſthetiſcher Genuß, gelangen kann, ſondern nur durch erſprießliche Thätigkeit, durch prak⸗ tiſche Arbeit im Dienſte der Geſamtheit. Bismarcks Gedanken und Erinnerungen knüpfen hier an und lehren weiter, wie dieſe Geſamtheit, wie der Staat ſich ſelbſt und damit auch wieder umgekehrt dem Einzelnen am beſten dient. Wie Göthe unſer menſchlicher, ſo iſt Bis⸗ marck unſer politiſcher Erzieher geworden und wird es jetzt noch viel mehr werden.

Wenden wir uns nun zurück zu unſerm Kaiſer Wilhelm II, ſo können wir ihm zu ſeinem Geburtstage neben dem Geſchenke, welches Bismarck mit dieſem Buche auch ihm ge⸗ macht hat, zwar nicht wünſchen, daß er immer Berater von ſo ſchöpferiſcher Einſicht finden möge; denn ſolche Männer kommen in Jahrhunderten nur einmal. Wohl aber können wir ihm wünſchen, daß er immer ebenſo viel Treue und ebenſo viel Opferfreudigkeit im Dienſte des Vaterlandes finden möge. Daß unſre Schüler ihm dieſe entgegenbringen, das haben ſie ſchon bekundet dadurch, daß ſie aus eigenem Antriebe zu ſeinem 40. Geburtstage dieſe Halle feſtlich geſchmückt und außerdem zu ihrer dauernden Zierde jene Büſte ſeines erhabenen Groß⸗ vaters geſtiftet haben, wofür ich ihnen im Namen der Schule hiermit öffentlich danke. Wir alle aber wollen dieſe Geſinnungen auch noch weiter bekunden, indem wir uns vereinigen zu dem Rufe: Seine Majeſtät unſer Kaiſer Wilhelm II lebe hoch!

. und abermals hoch! und noch einmal hoch!