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wahren... Wenn öſtreich ſchwer geſchädigt wäre, ſo würde es der Bundesgenoſſe Frank⸗ reichs und jedes Gegners werden; es würde ſelbſt ſeine antiruſſiſchen Intereſſen der Revanche gegen Preußen opfern;— ganz abgeſehen davon, daß die Verlängerung des Krieges der franzöſiſchen Einmiſchung die Wege ebnen würde. Wir müßten raſch abſchließen, ehe Frank⸗ reich Zeit zur Entwicklung weiterer diplomatiſcher Aktion... gewönne.“
„Gegen alles dies erhob der König keine Einwendung; aber die vorliegenden Bedin⸗ gungen erklärte er für ungenügend... Der Hauptſchuldige könne doch nicht ungeſtraft aus⸗ gehen, die Verführten könnten wir dann leichter davonkommen laſſen, ſagte er, und beſtand auf... Gebietsabtretungen von öſtreich. Ich erwiderte, wir hätten nicht eines Richteranits zu walten, ſondern deutſche Politik zu treiben; öſtreichs Rivalitätskampf gegen uns ſei nicht ſtrafbarer als der unſrige gegen öſtreich; unſre Aufgabe ſei Herſtellung oder Anbahnung deutſch⸗nationaler Einheit unter Leitung des Königs von Preußen.“
„Auf die deutſchen Staaten übergehend, ſprach er von verſchiedenen Erwerbungen durch Beſchneidung der Länder aller Gegner. Ich wiederholte, daß wir nicht vergeltende Gerechtigkeit zu üben, ſondern Politik zu treiben hätten, daß ich vermeiden wolle, in dem künftigen deutſchen Bundesverhältnis verſtümmelte Beſitze zu ſehn, in denen bei Dynaſtie und Bevölkerung der Wunſch nach Wiedererlangung des früheren Beſitzes mit fremder Hilfe... leicht lebendig werden könnte; es würden das unzuverläſſige Bundesgenoſſen werden.“
Allein das alles half nichts; im Gegenteil, es führte, erzählt Bismarck,„eine ſo leb⸗ hafte Erregung des Königs herbei, daß eine Verlängerung der Erörterung unmöglich war, und ich mit dem Eindruck, meine Auffaſſung ſei abgelehnt, das Zimmer verließ mit dem Gedanken, den König zu bitten, daß er mir erlauben möge, in meiner Eigenſchaft als Offizier in mein Regiment einzutreten. In mein Zimmer zurückgekehrt, war ich in der Stimmung, daß mir der Gedanke nahe trat, ob es nicht beſſer ſei, aus demoffenſtehenden, vier Stock hohen Fenſter zu fallen; und ich ſah mich nicht um, als ich die Thür öffnen hörte, obwohl ich vermutete, daß der Eintretende der Kronprinz ſei, an deſſen Zimmer ich auf dem Korridor vorüber gegangen war. Ich fühlte ſeine Hand auf meiner Schulter, während er ſagte:„Sie wiſſen, daß ich gegen den Krieg geweſen bin, Sie haben ihn für notwendig gehalten und tragen die Verantwortlichkeit dafür. Wenn Sie nun überzeugt ſind, daß der Zweck erreicht iſt, und jetzt Friede geſchloſſen werden muß, ſo bin ich bereit, Ihnen beizuſtehn und Ihre Meinung bei meinem Vater zu vertreten.“ Er begab ſich dann zum Könige, kam nach einer kleinen halben Stunde zurück in derſelben ruhigen und freundlichen Stimmung, aber mit den Worten:„Es hat ſehr ſchwer gehalten, aber mein Vater hat zuge⸗ ſtimmt.““
Wir dürfen hier, verehrte Anweſende, wohl einen Augenblick verweilen und uns fragen, ob es in der Weltgeſchichte oder in der Weltlitteratur eine Situation von der gleichen dramatiſchen Zuſpitzung giebt. Ich weiß keine. Dieſer Mann will den König von dem un⸗ heilvollen Vergeltungsgedanken abbringen. Gründe machen keinen Eindruck; vielleicht thut es ein großes Opfer, das Opfer ſeiner Stellung. Aber vielleicht auch das nicht; und ſo will er zu dem größten und eindrucksvollſten Opfer ſchreiten, zum Opfer ſeines Lebens. Da rettet das Eingreifen des Kronprinzen ihn ſich, dem Könige, Deutſchland, uns allen.
„Ich hielt überhaupt“, ſagt er an einer ſpäteren Stelle,„das Vergeltungsprinzip nicht für eine vernünftige Baſis unſrer Politik, die auch da, wo unſer Gefühl verletzt war, nicht von der eignen Verſtimmung, ſondern von der objektiven Erwägung geleitet werden ſollte.“ Alſo Mich die Vergeltung iſt kein wahres, ſondern nur ein ſcheinbares Intereſſe, das iſt das Ergebnis.
Und nun vergleichen Sie, verehrte Anweſende, wiederum Frankreich. Durch das Ei⸗ telkeitsprinzip hat es die Machtſtellung eingebüßt, die es unter Napoleon I und dann auch wieder unter Napoleon III hatte; durch das Vergeltungs⸗, das Revancheprinzip iſt es in die jammervolle Lage gekommen, in welcher es ſich heute befindet.
Mit dem Bisherigen, verehrte Anweſende, iſt mein Stoff keineswegs auch nur an⸗ nähernd erſchöpft; allein ich muß wohl zum Schluß eilen und das Geſagte zu einem Geſamt⸗ ergebnis zuſammenfaſſen. Bevor ich das aber thue, will ich Ihnen noch einen Traum er⸗ zählen,— nicht einen von mir, ſondern einen Traum Bismarcks.


