Aufsatz 
Das Prinzip der Politik Bismarcks. Festrede am 27. Januar 1890
Entstehung
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Leitern eines anderen Staates dieſelbe Leere an poſitiven Zwecken und Ideen vorhanden iſt?... Ich würde wahrlich ebenſo gern meine Bemühungen an die Durchführung frem⸗ der Ideen wie eigner ſetzen, wenn ich nur überhaupt welche fände... Aber eine paſſive Planloſigkeit, die froh iſt, wenn ſie in Ruhe gelaſſen wird, können wir in der Mitte von Europa nicht durchführen; ſie kann uns heut ebenſo gefährlich werden, wie ſie 1805 war, und wir werden Ambos, wenn wir nichts thun, um Hammer zu werden.

Das iſt alſo das erſte, was er verlangt:klare Ziele oderklare und praktiſche Ziele, wie er an einer anderen Stelle ſagt. Was ſind nun praktiſche Ziele im Sinne Bismarcks?

Das werden wir am leichteſten erkennen, wenn wir uns an einem Beiſpiele klar ma⸗ chen, was er unter unpraktiſchen Zielen verſteht.

Ein ſolches war für Preußen lange der Kampf für die Legetimität oder, wie man das auch nannte, der Kampf gegen die Revolution. Er war von Friedrich Wilhelm II er⸗ öffnet worden, ſehr zum Schaden Preußens, und hatte ſeitdem immer als Prinzip der preu⸗ ßiſchen Politik gegolten. Danach ſollte es Preußens oberſte Pflicht ſein, jeden, auch den nichtsnutzigſten legitimen Monarchen in ganz Europa mit allen Kräften zu unterſtützen und ſich von allen Staaten mit Abſcheu abzuwenden, in welchen die legitimen Dynaſtien geſtürzt waren, wie in Frankreich und Italien. Bismarck iſt der erſte deutſche Staatsmann geweſen, welcher die Unhaltbarkeit dieſes Prinzips erkannt und eingeſehen hat, daß praktiſche politiſche Ziele niemals fremde Intereſſen, ſondern immer nur eigene Intereſſen, d. h. Intereſſen des eigenen Staates und Volkes ſein können. Er hat Mühe genug gehabt, mit dieſer Anſicht durchzudringen. Bei dem General v. Gerlach verſuchte er es 1857 vergeblich; und noch 1861 ſchrieb er an Roon:Von den Fürſtenhäuſern von Neapel bis Hannover wird uns keins unſre Liebe danken; und wir üben an ihnen recht evangeliſche Feindesliebe, auf Koſten der Sicherheit des eignen Thrones. Ich bin meinem Fürſten treu bis in die Vendée; aber gegen alle andern fühle ich in keinem Blutstropfen eine Spur von Verbindlichkeit, den Fin⸗ ger für ſie aufzuheben. In dieſer Denkungsweiſe fürchte ich von der unſres allergnädigſten Herrn ſoweit entfernt zu ſein, daß er mich ſchwerlich zum Rate ſeiner Krone geeignet finden wird. Daß er es dennoch fertig gebracht hat, dieſen Herrn, den König Wilhelm IJ, zu die⸗ ſer Denkungsweiſe herüberzuziehen, iſt eines ſeiner Hauptverdienſte; aber ſchwer genug iſt es ihm gemacht worden, und zwar nicht bloß bis 1866, ſondern auch noch nach 1871.

Das iſt alſo ein zweiter Hauptſatz Bismarcks: Praktiſche politiſche Ziele können nie⸗ mals fremde Intereſſen ſein, ſondern immer nur die eignen Intereſſen des eignen Staates oder Volkes.

Nun fragt ſich: welches ſind dieſe eignen Intereſſen? Denn hier kann der Schein trügen: es giebt wahre und ſcheinbare eigne Intereſſen. Dieſen Unterſchied wollen wir uns wieder an einigen Beiſpielen klar machen.

In ſeinem vorhin erwähnten Rückblick auf die preußiſche Politik ſeit Friedrich dem Großen ſpricht er zunächſt über die Konvention von Reichenbach 1790, in welcher Preußen nach Rüſtungen, welche 10 Millionen Thaler gekoſtet hatten, gegen Öſtreich und Rußland für die Türkei eintrat. Er ſagt darüber:Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß dieſes Veto ein Akt unfruchtbaren Selbſtgefühls nach Art des franzöſiſchen prestige war, in welchem die von Friedrich dem Großen geerbte Autorität zwecklos verpufft wurde, ohne daß Preußen einen anderen Vorteil von dieſer Kraftleiſtung gehabt hätte, als den einer befriedig⸗ ten Eitelkeit über Bethätigung ſeiner großmächtlichen Stellung den beiden Kaiſermächten ge⸗ genüber, show of power. Über die preußiſche Politik zur Zeit des Krimkrieges, der 1856 durch den Pariſer Kongreß beendigt wurde, urteilt er:Wie würdig und unabhängig wäre unſre Stellung geweſen, wenn wir uns nicht in den Pariſer Kongreß in einer demütigenden Weiſe eingedrängt, ſondern bei mangelnder rechtzeitiger Einladung unſre Beteiligung verſagt hätten. Bei angemeſſener Zurückhaltung würden wir in der neuen Gruppierung(die auf den Kongreß folgte]l umworben worden ſein, und ſchon äußerlich wäre unſere Stellung eine würdigere geweſen,... indem wir uns des Anſpruchs auf Beteiligung an europäiſchen Ab⸗ machungen enthielten, welche für Preußen kein Intereſſe hatten, als höchſtens nach Analogie der Reichenbacher Konvention das der Eitelkeit, des Preſtige und des Mitredens in Dingen, die unſre Intereſſen nicht berührten. Dann über die Lage 1866 nach unſren Siegen über