Aufsatz 
Das Prinzip der Politik Bismarcks. Festrede am 27. Januar 1890
Entstehung
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Natürlich kann es mir nicht beikommen, den Inhalt eines ſolchen Buches hier irgend⸗ wie erſchöpfen zu wollen; ich muß eine Auswahl treffen. Nach welcher Seite ſich dieſe zu richten hat, liegt nahe genug. Der Verfaſſer iſt der größte Politiker nach Friedrich dem Großen geweſen, und neben dieſem überhaupt der einzige deutſche Politiker erſten Ranges; und in dieſem Buche giebt er die Gründe ſeines Thuns an. Ich will daher verſuchen, dieſe Gründe zu Grundſätzen zu verdichten: die Prinzipien oder das Prinzip vvon Bismarcks Politik, das ſoll mein Thema ſein.

Als erſte Frage erhebt ſich ſofort die: was iſt überhaupt unter Politik zu verſtehen?

Die Antwort hierauf giebt Bismarck in der Erzählung eines Geſprächs, welches er 1857 nach der Erkrankung des Königs Friedrich Wilhelm IV mit dem Prinzen von Preußen, dem nachmaligen Könige und Kaiſer Wilhelm l, hatte.Während dieſer Tage, ſagt er,alſo mit der Möglichkeit eines ſofortigen Regierungsantritts vor Augen am 19. Oktober machte der Prinz mit mir einen langen Spaziergang durch die neuen Anlagen(bei Potsdam) und ſprach mit mir darüber, ob er, wenn er zur Regierung komme, die Verfaſſung unver⸗ ändert annehmen oder zuvor eine Reviſion derſelben fordern ſolle... Aus Gründen der Politik riet ich, nicht an der Sache zu rühren... Bei meiner Schilderung der zu befürchten⸗ den Folgen ging ich von demſelben Gedanken aus, den ich ihm 1866, als es ſich um die Indemnität handelte, zu entwickeln hatte: daß Verfaſſungsfragen den Bedürfniſſen des Lan⸗ des und ſeiner politiſchen Lage in Deutſchland untergeordnet wären, ein zwingendes Bedürf⸗ nis, an der unſrigen zu rühren, jetzt nicht vorliege; daß für jetzt die Machtfrage und innere Geſchloſſenheit die Hauptſache ſei.

Hier haben wir einen erſten Hauptſatz Bismarcks: Politik iſt für ihn im weſentlichen äußere Politik. Innere Fragen ſind den äußeren Fragen untergeordnet; ſie ſind ſtets ſo zu behandeln, daß der Staat die möglichſte Kraft nach außen entwickeln kann.

Je näher man dieſen Satz betrachtet, um ſo mehr erkennt man ſeine Richtigkeit. Die Verfaſſung des deutſchen Reiches z. B. ſagt, es ſei dazum Schutze des Bundesgebietes und des innerhalb desſelben giltigen Rechtes ſowie zur Pflege der Wohlfahrt des deutſchen Volkes. Beides aber, den Schutz und die Pflege, kann das Reich nur dann leiſten, wenn es die Macht dazu hat; und Recht iſt nur ſo lange Recht, als eine Macht dahinter ſteht, welche es aufrecht erhält. Wenn aber Recht und Wohlfahrt hiernach von der Macht abhängen, ſo hängt auch umgekehrt dieſe von jenen ab: wird in einem Staate das Recht unſicher und leidet die Wohlfahrt, ſo geht anch die Macht des Staates zurück.

Hiernach haben wir im Folgenden nur noch die äußere Politik Bismarcks zu be⸗ trachten und zu ermitteln, nach welchen Grundſätzen er dieſe gehandhabt hat.

Der elfte Abſchnitt des Werkes, welches im weſentlichen nach der Zeitfolge geordnet

iſt, reicht bis zu ſeinem Eintritt ins Miniſterium im September 1862. Hier unterbricht er ſich und wirft im zwölften Abſchnitt einenRückblick auf die preußiſche Politik, der überaus merkwürdig iſt. . Der letzte preußiſche Politiker, der ſeine Anerkennung findet, iſt Friedrich der Große. Über die folgende Zeit ſagt er:Klare Ziele hatten unſrer Politik ſeit dem Tode Friedrichs des Großen entweder gefehlt, oder ſie waren ungeſchickt gewählt und betrieben; letzteres von 1786 bis 1806, wo unſre Politik planlos begann und traurig endete... In der Zeit von 1806 bis in die vierziger Jahre hat eine ſelbſtändige preußiſche Politik überhaupt nicht be⸗ ſtanden; unſre Politik wurde abwechſelnd in Wien und in Petersburg gemacht. Soweit ſie in Berlin von 1842 bis 1862 ſelbſtändig ihre Wege ſuchte, wird ſie vor der Kritik vom Standpunkte eines ſtrebſamen Preußen kaum Anerkennung finden.

Dieſe Kritik eines ſtrebſamen Preußen hat er ſchon ſelbſt als Mithandelnder, als Ge⸗ ſandter in Frankfurt, geübt. Von da ſchreibt er 1857 an den General Leopold von Gerlach, einen der Berater Friedrich Wilhelms IVV:Ob wir Abſichten und bewußte Ziele unſrer Politik überhaupt jetzt haben, weiß ich nicht; aber daß wir Intereſſen haben, daran wer⸗ den uns Andere ſchon erinnern... Sie ſind doch, verehrteſter Freund, au fait von unſ⸗ rer Politik; können Sie mir nun ein Ziel nennen, welches dieſelbe ſich etwa vorgeſteckt hat, auch nur einen Plan auf einige Monate hinaus; grade rebus sic stantibus weiß man da, was man eigentlich will? weiß das irgend Jemand in Berlin, und glauben Sie, daß bei den