Aufsatz 
Das Prinzip der Politik Bismarcks. Festrede am 27. Januar 1890
Entstehung
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Das Prirzip der Politik gismarth

Feſtrede am 27. Jannar 1899.

Geehrte Gäſte! Werte Kollegen! Liebe Schüler!

Mit dem heutigen Tage beſchließt unſer Kaiſer Wilhelm II ſein vierzigſtes Lebensjahr, ein Jahr, reich an bemerkenswerten Begebenheiten.

Fragt man, welche davon wohl die bedeutendſte iſt, ſo werden einige vielleicht die Kaiſerfahrt nach Paläſtina nennen, andere den Untergang der ſpaniſchen Kolonialmacht, an⸗ dere die Friedenskundgebung des Zaren und noch andere anderes.

Stelle ich mich auf meinen engſten Fachſtandpunkt, den des Geſchichtslehrers, und frage ich mich, ob und durch welches Ereignis die Jahreszahl 1899 eine ſog. Geſchichtszahl ſein wird, die jeder Gebildete weiß, ſo kann, wie ich meine, kein Zweifel obwalten: der Tod des Fürſten Bismarck iſt das Ereignis, durch welches dieſe Zahl ewig denkwürdig bleiben wird.

Aber nicht bloß in der Weiſe, daß ſie rein äußerlich das Ende eines wenn auch noch ſo gewaltigen Lebens bezeichnet. Dieſes Ende iſt vielmehr auch ein Anfang, und zwar in einem doppelten Sinne.

Erſtlich in dem Sinne, daß dieſes gewaltige Leben nun erſt beginnt, hiſtoriſch, d. h. wahrhaft wirklich zu werden. Dieſeswirklich meine ich in des Worts allerverwegenſter Bedeutung. Denn was iſt wirklich? Die Zukunft nicht; das braucht nicht erſt bewieſen zu werden. Aber auch die Gegenwart nicht; denn ſie iſt ja nichts weiter als die Grenze zwiſchen Vergangenheit und Zukunft, eine Grenze, die ſich in jedem Augenblick nach der Zu⸗ kunft hin verſchiebt, deren zeitliche Ausdehnung aber gleich Null iſt. Wirklich iſt mithin nur die Vergangenheit; nur ſie wirkt und wirkt immerfort. Allerdings mit einer Ausnahme: das Schlechte hört ſeiner Natur nach irgend einmal auf zu wirken; denn es vernichtet ſich mit der Zeit ſelbſt, deswegen, weil es ſeine Grundeigenſchaft iſt, ſich ſelbſt zu widerſprechen. Das Gute aber bleibt ewig wirkſam und eben deshalb wahrhaft wirklich. Das wird ſich auch an Bismarck erfüllen. Iſt er ſchon bei ſeinen Lebzeiten ſeinen Feinden ein furchtbarer Gegner geweſen, ſo wird er jetzt erſt recht unüberwindlich: denn mit jedem Jahre wächſt jetzt ſeine Wirkſamkeit, die Wirkſamkeit ſeiner Thaten; mit ſeinem Tode hat ſeine Unſterblichkeit begonnen.

Dazu kommt nun noch etwas Zweites. Ich habe vor einigen Jahren an dieſer Stelle Bismarck mit Göthe verglichen; jetzt hat ſich zu den Vergleichungspunkten, die ich damals aufſtellte, und die ich hier nicht wiederholen will, noch einer gefunden. Nach Göthes Tod erſchien der zweite Teil ſeines Fauſt, ein Werk noch immer teilweiſeunverſtanden, doch nicht unverſtändlich: es zeigt nicht weniger als den Weg, auf den der Menſch zu wahrhafter innerer Befriedigung gelangen kann. Auch Bismarck hat noch nach ſeinem Tode die deutſche Litteratur durch ein Werk bereichert, welches bereits in Hunderttauſenden von Exemplaren verbreitet iſt, und welches der Herausgeber mit Rechtein koſtbares Erbe der deutſchen Nation nennt, die zwei Bände ſeinerGedanken und Erinnerungen.Aus dieſer reich fließenden Quelle, ſagt derſelbe Herausgeber,werden auch noch in künftigen Jahrhunderten unſere Staatsmänner und Geſchichtsſchreiber Belehrung ſchöpfen; unſer ganzes Volk aber wird ſich noch bis in die fernſten Zeiten, wie an den Werken ſeiner Klaſſiker, an dem Buche erbauen, das ſein Bismarck ihm hinterlaſſen hat. Mit einem Wortt: ſeit wir dieſes Buch haben, welches erſt nach ſeinem Tode erſcheinen konnte, wird Bismarck nicht bloß durch ſeine Thaten unter uns fortwirken, ſondern es wird jetzt auch Bismarcks Geiſt ganz unmittelbar unter uns fortleben. in.

Deswegen halte ich das Erſcheinen dieſes Buches für das größte Ereignis des ver⸗ gangenen Jahres; und deswegen möchte ich dieſes Buch zum Gegenſtand unſerer heutigen Feſtbetrachtung machen.

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