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tragen. Diese Ansicht wird auch durch die Thatsache unterstützt, dass die Ablage- rungen sich weit über die niedrigsten Pässe erstrecken, zu denen die Seeen höchstens hinauf reichen konnten. Auch Blanford schreibt dann die Entstehung der Abdachung von grobem Schutt, welcher den oberen Rand jeder Mulde umgiebt, dem Herabwaschen. der Zerstörungsprodukte von den umgebenden Hügeln zu.
Wir sind am Ende unserer Betrachtung. Es lag nur in unserer Absicht, den Ein- fluss der einzelnen klimatischen Faktoren auf die Oberflächengestalt Irans zu untersuchen. Alles drängt uns, den letzten Oberflächengebilden der iranischen Hochfläche denselben Ur- sprung zuzusprechen, wie denen Zentralasiens, dessen Charakter sich in Iran wie im ganzen, so in den kleinsten Teilen widerspiegelt. Die atmosphärischen Agentien haben hier ein reichliches Material geschaffen, das die unumschränkt wirkende geologische Kraft des Windes umgelagert und so ein echtes Ausfüllungsplateau geschaffen hat.
II.
Einfluss der physischen Verhältnisse auf das Leben der Bewohner.
Carl Ritter, der Begründer der geographischen Wissenschaft in ihrem gegenwär- tigen Umfange, pflegt die Erde in ihrem Zusammenhange mit dem Menschen ins Auge zu fassen. Er sah es als eine Hauptaufgabe der Geographie an, den Einfluss nachzuweisen, welche Erde und Himmel, die Fussbank und das Gezelt, ¹) auf die Schicksale der In- dividuen und Völker, auf den Gang der Kulturentwicklung ausgcübt haben. Es lässt sich nicht leugnen, dass Ritter in seinen Betrachtungen über Erdengeschichte und Völkerge- schick oft zu sehr das Gesetz der Notwendigkeit walten liess. Die Einwirkungen der na- türlichen Bedingungen eines Landes auf die Gestaltung des Menschenlebens sind nämlich selten in ihrer ganzen Klarbeit zu erkennen. Sie sind oft getrübt durch die schon früher angedeuteten Faktoren: Durch die göttliche Vernunft und die freie That des Menschen- geistes. Die Anlagen und Eigentümſichkeiten der Rassen, die ganze Schar der geistigen und sittlichen Kulturfaktoren erschweren auch bei der Kulturentwicklung Irans den Ein- blick in ihre Naturbedingtheit. Aber immerhin zeigt sich, dass in Iran die Natur, inner- balb der sich die Geschichte entwickelt, in den Gang' derselben bestimmend eingegriffen und dem Thun und Treiben seiner Bewohner charakteristische Lineamente vorgezeichnet und vielfach auf Porm und Inhalt des geistigen Lebens Einfluss gewonnen hat.
Die Betrachtungen des vorigen Kapitels haben gezeigt, dass in Iran die physikalische Entwicklung zentripetal ist, von den Rändern der Becken hinein in ihr Inneres. Die Völkergeschichte ist aber nicht analog, denn wie das höher entwiekelte pflanzliche Leben, so flieht auch der Mensch die öden Wüstenräume, von denen die Mitte Irans eingenommen wird. 2) Dieselben sind in gewissen Teilen fast unnahbar und grosse Teile vollkommen von jeder Vegetation entblösst. Von der Wüste Lut, d. h. nackte Strecke, sagt schon Istachri im 10. Jahrhundert, dass die persische Sahara, welche er nicht unter ihrem wirklichen Namen kannte, die trostloseste Wüste sei unter allen Gegenden, welche dem Islam unterworfen scien. Diese Nachricht ist von Bunge bestätigt worden. Um sie auf ihrer schmalsten Stelle mit Kamelen zu durchziehen, brauchte er drei Tage und drei Nächte. Er schildert diese Wüste als eine schauerliche, wasserlose und vollständig vege- tationslose Fläche. Keine flüchtige Eidechse, keine Ameise, keine Fliege sei zu erblicken gewesen. Sie erschien ihm viel trostloser als die Gobi, welche er aus eigener Anschauung kannte. An 6de steht„die grosse Salzwüste“ der Lut kaum nach. Dies ist der östliche Teil der grossen Ebene Persiens, die sich zwischen dem Elburs, seinen parallelen Vor- bergen und jener Kette ausdehnt, die an Jezd vorbei nach S0 zieht. An ihrer tiefsten Stelle befindet sich in der Breite einer geographischen Meile ein flussähnlich gestalteter
¹) C. Ritter, XV. Bd., 1. T., S. 5. ²) v. Richthofen, China, 1. Bd., S. 11.


