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wiederholt Bodeneis beobachtet worden. Den mächtigsten Hebel wird der Frost auf den niedrigen mit Schnee bedeckten Gebirgen ansetzen. Das Sickerwasser des Schnees, welcher durch die starke Wirkung der Sonnenstrahlen während des Tages schmilzt, wird in die Spalten und Klüfte der Gesteine eindringen und dort durch mächtiges Gefrieren an der Zersetzung weiter arbeiten, im Sommer aber werden die höchsten Gebirge, wo noch reich- licher Schnee vorhanden ist, jener zwiefachen täglichen Wanqdlung unterliegen.
Die chemische Auflockerung wird in Iran im Gegensatz zu den Gebieten, in welchen die heisseste Jahreszcit zugleich die regenreichste ist, äusserst langsam vor sich gehen; aber sie wird noch merklich scin, indem die geringen Einzelwirkungen bei der vorberge- gangenen Auflockerung des Gesteins sich zu merkbaren Beträgen summieren. Der Ein- fluss der Pflanzen, welche sonst teils während ihrer Vegetationszeit, tweils durch die bei ihrer Verwesung sich entwickelnden Säuren und Salze auf die Zertrümmerung der Ge- steine einwirken, wird in Iran fast durchweg fehlen, da die Gebirge meist kahl sind, ja nackter Fels vielfach ansteht. Der Gehängeschutt, welcher sich durch die geschilderten Vorgänge bildet, wird wie alle losen Massen in einer steten, wenn auch oft unmerklichen zu Thal gerichteten Bewegung begriffen sein und so das Endziel des Denudationsprozesses, die Blosslegung des verwitterten Felsbodens, fördern, wodurch die Atmosphärilien wieder neue Angriffspunkte erhalten. Bei dieser Abwärtsbewegung schreitet die Zerkleinerung der Gesteinteilchen unaufhörlich fort, teils aus denselben Ursachen, durch die sie gebildet worden sind, teils durch gegenseitige Reibung, so dass eine Menge kleinsten Materials ent- steht. Die dem Gesetze der Schwere folgende Bewegung wird natürlich von den wenig zahlreichen, aber doch vorhandenen Regen und Schneeschmelzen zeitweilig unterstützt. An einzelnen Teilen des Plateaus sind die Spuren des rinnenden Wassers unverkennbar. Im Zagrossystem, in den Gebirgen Afghanistans, auch im Mekrangebiet und anderen Teilen des Plateaus, wo ein stärkerer Niederschlag einzelnen Gewässern sogar den Weg nach dem Meere gebahnt hat, werden die Flanken der Gebirge nicht allein durch sie von dem Schutt befreit, sondern die in ihren Wirkungen oft verheerenden Regengüsse und das Schneewasser haben in den durch die Verwitterung gelockerten Höhenzügen einen Formen- reichtum in der vertikalen Gliederung hervorgerufen, der an Rauheit und Wildheit kaum übertroffen wird. ¹)
Am mächtigsten hat sich die Erosion, wie bei dem Niederschlagsreichtum zu er- warten ist, auf der Nordseite des Elbursgebirges bethätigt. Diese ist in tiefe Thäler zer- schnitten, während die Südseite nach St. John als einziger schroffer Abfall erscheint, ohne irgend einen Wasserweg, der den Namen eines Flusses verdiente. Das geringe Aus- mass der Erosion teilt die Südseite des Elbursgebirges mit dem ganzen ihr südlich vorge- lagerten Hochland. Der Grund liegt in dem grossen Mangel an atmosphärischen Nieder- schlägen. Aus demselben Grunde fehlen auch die in den anderen Gebieten so mächtig wirkenden Faktoren, welche sie von den sich bildenden Detritusmassen reinigen und ihre Ausfuhr zum Meere bewirken. Gewiss besitzt Iran eine nicht geringe Anzahl von Flüssen, aber die wenigsten erreichen das Meer. Die meisten finden wegen ihrer Wasserarmut nach kurzem Lauf, ohne tief einzuschneiden, meist in dem Sande der jeweilig erreichbaren Senkung ihr frühzeitiges Ende. Hier setzen sie auch die von ihnen transportierten und von ihrem Wasser suspendierten festen Teilchen ab und tragen statt zur Wegschaffung zur Anhäufung fester Massen in diesen Stellen des Plateaus wesentlich bei.
Die geringe Rolle, welche das Wasser als geologisches Agens in dem abflusslosen Gebiet Irans spielt, ist allen Reisenden aufgefallen. Um so grösser ist die geologische Bedeutung des Windes; die heutige orographische Gliederung Irans ist hauptsächlich sein Werk. Der Wind kann aber auch hier mit seiner ganzen Kraft auf die Oberfläche des Landes wirken, da sie der Vegetation entweder ganz entbehrt oder derselben mit Beginn des Sommers wegen des fehlenden Regens durch Verdorren beraubt wird. Er wird sich überall der kleineren durch Zersetzung freigelegten Teilchen bemächtigen; die gröberen derselben werden bald in Vertiefungen liegen bleiben, die feineren werden weiter getragen,
¹) Bergfahrten in Persien, Mitteil. des deutschen und österr. Alpenvereins 1888, S. 44.


