Aufsatz 
Studien über das Klima von Iran : 1. Teil
Entstehung
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Wir werden im folgenden sehen, dass sich das Klima der heissen Küstenebene Irans von dem Klima Hochirans wesentlich unterscheidet. Darauf ist auch wiederholt auf- merksam gemacht worden. Schon vor Karsten Niebuhr, welcher im Anfang des vorigen Jahrhunderts auf seinen Reisen die Südküste Irans berührte, hat der spanische Gesandte D. Garcias de Silva Figucroa im zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts hervorgehoben, dass das Germesir vielmehr den Charakter Arabiens als Irans trage. ¹)

Weit günstigere klimatische Verhältnisse weist die andere Litoralzone auf. Die in ihr gelegene Landschaft Masenderan preist der persische Dichter Firdusi als das Land der tapferen Krieger und Helden, aber auch als das Land der Rosen, wo es nicht zu heiss und nicht zu kalt werde, wo ein ewiger Frühling herrsche. 2) Heute noch wird sie in Persien der Garten Irans genannt. Zur Charateristik des Klimas der Küstenzone des kaspischen Meeres mögen folgende Daten dienen:

N. Br. 6. L. Seehöhe. Januar. April. Juli. Oktober. Jahr. Lenkoran 38⁰ 46 48⁰ 51 20 2,8 12,0 25,4 16,6 14,3 Aschur-Ade 360 54 53⁰ 57 20 7,0 15,2 27,2 20,0 17,6

An beiden Orten steigt, wie die Tabelle zeigt, die Temperatur im Frühlinge lang- sam an und erreicht erst in den letzten Tagen des April das Jahresmittel.3) Oft ist die Märzsonne schon stark genug viele Pflanzen des Tieflandes nicht nur zu wecken, sondern auch zur Blüthe zu bringen. Am 9. April 1880 notierte Dr. Radde in Lenkoran: Hya- cinthen blühen im freien Lande, das Laub der Weide ½ Zoll lang, die Blütenkätzchen schieben sich hervor. Die Pfirsichknospen und Apfelbaumblüten zum Platzen reif. Primula veris blüht.¹) Wenn aber das normale Wetter von andauerndem Unwetter, wie es nicht selten im Frühling geschieht, unterbrochen und die Temperatur fast auf Null herunterge- drückt wird, dann wird auch die Vegetation der Pflanzen, soweit sie nicht gar vernichtet werden, auf Wochen in ihrem Fortschritt gehemmt.

Im Mai steigt die Temperatur gewöhnlich schnell. Mit der steigenden Sonne kommt dann für die Bewohner des Landes die unangenehmste Zeit des Jahres. Dem- selben durchfeuchteten Boden, auf welchem sich im Sommer das üppigste vegetabilische Leben entwickelt, entsteigen auch die schädlichen Miasmen. Vergisst man dabei nicht, dass der Wind am Rande des Urwaldes gebrochen wird und die Waldzonen nicht aus- fegen kann, so begreift man die blassen Gesichter der Bewohner.

Die Küste des kaspischen Meeres, soweit wir sie hier in Betracht ziehen, hat einen warmen Ierbst, wie der Oktober, der Repräsentant des Herbstes, zeigt; erst Ende dieses Monats sinkt die Temperatur unter die Jahreskurve. Anfangs Dezember kann man in Lenkoran noch die Monatsrosen in voller Blüte sehen. In demselben Monat erhielt der Naturforscher Radde in der genannten Stadt frisch gepflückte Bohnen und den besten Blumenkohl, und erst Ende desselben notierte er die Wälder als völlig entlaubt. 5) Aber kaum ist hier die Ruhe eingetreten, so regt sich schon neues Leben am Boden. Der kurze Winter ist gewöhnlich mild; das kaspische Meer bildet eine beträchtliche Wärmequelle, und die Wolkenbildung mässigt die Kälte. An geschützten Stellen wird die Jannartem- peratur von Aschur-Ade noch übertroffen.)So kommt es, dass ein grosser Teil der Zugvögel, namentlich Stelzen- und Schwimmvögel, hier zum Winter Rast macht. Das gewöhnlich milde Klima, die Verstecke in den unabsehbaren Rohrdickichten, die nahrungs- reichen Süsswasser, die unmittelbare Nähe des Meeres das alles konveniert den Wan- derern, die aus dem hohen Norden kommen. Aus dem Gebirge steigen um dieselbe Zeit die beflügelten Bewohner zu Thale in die Ebene. Andere folgen ihnen vom persischen Hochland, durch strengen Winter verscheucht.*)

lst der Winter aber einmal ungewohnt mild, so kann diese meteorologische Störung verhängnisvoll werden wie im Winter des Jahres 1877, in welchem die Pest die Provinzen Gilan und Masenderan ergriff und auch auf das Plateau bis Herat in Afghanistan stieg. ¹)

¹) C. Ritter, 8. Teil, S. 723 und 740. ²) C. Ritter, 8. T., S. 437. ³) Hann, Handbuch der Kl., S. 419 und 500. ¹) Peterm. Mitt. 1881, S. 49 f. 5, Hann, Handb. der Kl., S. 499; Peterm. Mitt. 1881, S. 50 und 262. 6) Woeikoff, Die Klimate der Erde, 2. Bd. S. 285. 7) Peterm. Mitt. 1885, S. 266; 1881, S. 51. 8) Tholozan: Les trois dernières Epidémies de Peste du Caucase, Paris 1879, S. 53. Peterm. Mitt. 1879, S. 267.