Aufsatz 
Festrede zum achtzigsten Geburtstag des Fürsten Bismarck
Entstehung
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So ergreift denn nun Bismarck das Steuer des Staatsſchiffes, in einer Lage, in welcher ſogar der Kapitän momentan verzagte. Zu welchen Zielen er es geführt hat, weiß die Welt, auf welche Weiſe aber, nicht bloß umdroht von Klippen und Brandung, von Sturm und Wogen⸗ drang aller Art, ſondern noch mehr von der Schiffsmannſchaft ſelbſt, die ihn mit Spott und Hohn, ja mit Haß und Wut tobend umheulte, und von den bei Seite geſchobenen früheren Steuerleuten, die ſich mit Einflüſterungen aller Art an den Kapitän herandrängten, der ihn, wenngleich zuerſt, doch auch nur allmählich ganz begriff, dazu belaſtet mit einer geradezu ungeheuren Verantwor⸗ tung, wiſſend, daß jeder Fehler nicht bloß ihn was lag ihm daran! ſondern Preußen und Deutſchland in die Tiefe riß; und bei alledem dennoch das Steuer ſtets in feſter Hand und den ſpähenden Adlerblick Tag und Nacht unverwandt auf den finſter umwölkten Horizont gerichtet, an welchem jahrelang kein Hoffnungsſtern ſich zeigen wollte, das kann nur mit allen Einzel⸗ heiten voll begriffen und gewürdigt werden; es darzuſtellen iſt, wie mein Lehrer Nitzſch mit Recht ſagte, eine beneidenswerte Aufgabe für die Geſchichte, aber eine unlösbare für eine Feſtrede. So hebe ich denn nur noch zwei Thatſachen kurz hervor.

Die erſte aus dem Beginn ſeiner Laufbahn. Im September 1862 war er, wie vorhin geſagt, Miniſter geworden; am 13. Oktober entließ er den Landtag mit einer Rede, in welcher bereits folgende Sätze vorkommen:Nachdem der Geſetzentwurf über den Staatshaushaltsetat für das Jahr 1862 in der von dem Abgeordnetenhauſe beſchloſſenen Feſtſtellung wegen ſeiner Un⸗ zulänglichkeit von dem Herrenhauſe verworfen worden, findet ſich die Regierung Sr. Majeſtät des Königs in der Notwendigkeit, den Staatshaushalt ohne die in der Verfaſſung vorausgeſetzte Unterlage führen zu müſſen. Sie iſt ſich der Verantwortlichkeit in vollem Maße bewußt, die für ſie aus dieſem beklagenswerten Zuſtande erwächſt; ſie iſt aber ebenſo der Pflichten eingedenk, welche ihr gegen das Land obliegen, und findet darin die Ermächtigung, bis zur geſetzlichen Feſtſtellung des Etats die Ausgaben zu beſtreiten, welche zur Erhaltung der beſtehenden Staats⸗ einrichtungen und zur Förderung der Landeswohlfahrt notwendig ſind, indem ſie die Zuver⸗ ſicht hegt, daß dieſelben ſeiner Zeit die nachträgliche Genehmigung des Land⸗ tages erhalten werden. Was er hier mit klaren Worten ankündigt, iſt die Indemnitäts⸗ vorlage, welche er nach dem Kriege von 1866, zur größten Überraſchung für alle Welt, und wie wir jetzt wiſſen, gegen den heftigen Widerſpruch ſeiner alten Parteigenoſſen und gegen lebhafte Be⸗ denken des Königs, durchſetzte, und durch welche er den größten und beſten Teil ſeiner bisherigen inneren Gegner erſt in willige Mitarbeiter, dann in dankbare Anhänger und ſchließlich in begei⸗ ſterte Verehrer verwandelte.

Die zweite Thatſache betrifft ſeinen von ihm meiſtbekämpften äußeren Gegner, Oſterreich. Als König Wilhelm am Abend des 3. Juli über die Wahlſtatt von Königgrätz geritten war, ſagte Moltke zu ihm:Ew. Majeſtät haben nicht bloß die Schlacht gewonnen, ſondern auch den Feld⸗ zug. Darauf Bismarck:Die Streitfrage iſt alſo entſchieden; jetzt gilt es die alte Freundſchaft mit Oſterreich wiederzugewinnen. Ebenfalls noch auf dem Schlachtfelde hatte Bismarck auch eine Unterredung mit einem verwundeten öſterreichiſchen Offizier. Er ſagte ihm:Preußen hat ein großes Intereſſe daran, daß die Habsburgiſche Monarchie ihre Machtſtellung behaupte. Oſter⸗ reich und Preußen haben beide im Intereſſe des Germanentums ihre eigene Miſſion zu erfüllen. Preußen ſoll als Vormacht die Einigung Deutſchlands zuwege bringen; Oſterreich ſoll als Ver⸗ bündeter Preußens die Intereſſen des Germanentums im Orient wahren und das Aufeinander⸗ platzen des Slawentums und Germanentums als Bindeglied zwiſchen den beiden verhindern. Auch dieſen Gedanken hat Bismarck nur mit Mühe durchaeſetzt; er ſelbſt hat ſpäter erzählt:Nach der Schlacht von Königgrätz war ich ganz allein für den Frieden. Alle waren gegen mich; es iſt gar nicht zu ſagen. Der König war ungehalten, die Generäle tobten über den Ziviliſten. Ich erklärte dem Könige: ich werde die Verantwortlichkeit der Fortſetzung des Krieges nicht auf mich nehmen und zurücktreten. Was er ſo durchſetzte, war die Möglichkeit des Bündniſſes mit Oſterreich, welches er 1879 abſchloß, und welches ſeitdem den Frieden in Europa aufrecht erhalten hat.

Und das iſt der Punkt, welcher den Nibelungenenkel von den alten Nibelungen unter⸗ ſcheidet. Wohl verſtanden auch ſie zu kämpfen und zu ſiegen; aber nicht verſtanden ſie dulgtinähen und ſich zu verſöhnen. Von ihnen gilt, was Göthes Iphigenie von ihrem Ge⸗

echt ſagt: