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die Einigung Deutſchlands unter Preußens Führung, aber nicht die Mittel.„Herr, dieſes Volk iſt irr und irr der hohe Rat“, dieſe Worte Geibels galten noch immer. Bismarck wollte den liberalen Zweck und das konſervative Mittel,— das iſt, auf eine kürzeſte Formel gebracht, die, man möchte ſagen kindlich einfache Löſung des ungeheuren Rätſels, vor welchem Deutſchland damals ſtand, und doch eine Löſung, die damals kaum von ſonſt Jemand begriffen wurde.
Am wenigſten von ſeinen frommen Parteigenoſſen, unter denen die Sage umging, daß er ſich dem Teufel der Revolution verſchrieben habe. Aber auch an höchſter Stelle nicht. Bismarck ſelbſt hat erzählt, daß ſchon vor ſeiner Verſetzung nach Paris im Frühling 1862 davon die Rede geweſen ſei, ihn zum Miniſterpräſidenten zu ernennen. Er habe hierauf ſeine antibſterreichiſche Politik dem Könige auseinandergeſetzt, der aber darauf nicht eingegangen ſei. Er habe ſich darauf geweigert Miniſterpräſident zu werden und ſei als Geſandter nach Paris gegangen. Im Herbſt 1862 habe man ihn dann telegraphiſch nach Berlin berufen zur Übernahme jener Stellung, ohne eine Bedingung daran zu knüpfen.
Die Not war es, die dazu zwang. Der Militärkonflikt zwiſchen der Regierung und dem Abgeordnetenhauſe war ausgebrochen, und es fand ſich kein Miniſterpräſident, der ſich getraute ihn durchzufechten. Bismarck war der Einzige, der nicht bloß den Mut dazu hatte, ſondern auch den einzig möglichen Weg dazu ſah. Schon am 15. Juli 1862, im Beginne des Konflikts, ſchreibt er an Roon:„Ich denke mir, daß das Miniſterium allen Streichungen im Militäretat ruhig und deutlich opponiert, aber keine Kriſis über dieſelben herbeiführt, ſondern die Kammer das Budget vollſtändig durchberaten läßt. Das wird, wie ich annehme, im September geſchehen ſein. Dann geht das Budget, von dem ich vorausſetze, daß es für die Regierung nicht annehmbar iſt, an das Herrenhaus, falls man ſicher iſt, daß die verſtümmelte Budgetvortage dort abgelehnt wird. Dann, oder andernfalls ſchon vor der Beratung im Herrenhauſe, könnte man es mit einer Königlichen Botſchaft, welche mit ſachlicher Motivierung die Zuſtimmung der Krone zu einem derartigen Bud⸗ getgeſetz verweigert, an die Abgeordneten zurückgeben.“ Man ſieht, er hat die berühmte Lücke in der Verfaſſung ſchon entdeckt: was er hier vorſchlägt, iſt genan das, was er ſpäter gethan hat.
Am 15. September erhielt er darauf ein Telegramm von Roon. Es lautete:„Kommen Sie ſofort nach Berlin.“
Was nun hier geſchah, hat Bismarck erſt vor kurzer Zeit, im Jahre 1893, ſelbſt erzählt. Ich laſſe ſeine eigenen Worte folgen:
„Als ich, aus Paris vom König berufen, am 19. September 1862 nach Berlin kam und Audienz bei ihm erlangte, da hatte er bereits ſeine Abdankung unterzeichnet! Die Urkunde lag vor ihm, als ich eintrat, und er mir ſein Miniſterium anbot. Er war willens, den Kronprinzen rufen zu laſſen und die Abdankungsurkunde und die Regierung in deſſen Hand zu legen, falls ich mich dem königlichen Rufe verſagte! Ich aber ſagte ſofort zu.„Ja, wollen Sie denn auch gegen die Majorität des Landes Ihr Amt antreten und führen?“ fragte mich der König.„Ja“, er⸗ widerte ich.„Und auch ohne Budget?“„Ja, Majeſtät“. Nun zerriß er die Abdankungsurkunde und ſpäter auch ein Programm von 16 Seiten, welches er entworfen hatte, um meinem„Junker⸗ tum“ einige Zügel anzulegen, und war wieder voller Mut und Hoffnung. Aber ein vierzehntägiger Aufenthalt in Baden⸗Baden bei ſeiner Gemahlin veränderte ſeine Stimmung wieder durchaus. Er ſchrieb mir äußerſt niedergeſchlagen. Ich reiſte ihm bis Jüterbogk entgegen, deſſen Bahnhof damals noch gar nicht fertig war. Als ich ankam, war alles dunkel. Niemand wußte Beſcheid, nicht ein⸗ mal, ob der König komme. Ich ſetzte mich auf eine umgeſtülpte Karre und wartete auf den Zug, mit dem der König kommen wollte. Der Zug fuhr ein. Immer noch kein Licht. Ich lief den Zug entlang. Niemand wollte vom König wiſſen. Es war ein gewöhnlicher Zug— damals fuhr man noch nicht im Sonderzug, wie man's jetzt nennt—, endlich fand ich den König in einem Koupee erſter Klaſſe. Er war faſt noch gebeugter nach den zwei Wochen Baden⸗Baden als zu⸗ vor...„Ja, was ſoll denn werden?“ fragte er mich.„Ich ſehe weit genug von meinem Schloſſe, um auf dem Platz davor Ihr Haupt fallen zu ſehen, und dann fällt das meinige.“—„Nun, was mich betrifft, Majeſtät, kann ich mir denn einen ſchönern Tod denken als dieſen und den auf dem Schlachtfelde?“...„Et après?“ fragte er.„Würden Eure Majeſtät als Kompagnieführer denn Ihre Kompagnie im Gefecht im Stiche laſſen wollen?“ fragte ich zurück.„Nein!“ rief er, gerade und feſt aufſpringend. Damit habe ich ihn wiedergewonnen.“


