Aufsatz 
Festrede zum achtzigsten Geburtstag des Fürsten Bismarck
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

gehen; indem er es herumreißen wollte, bäumte es auf und warf ſeinen Reiter in die Tiefe. Der Ulan Kühl ſah dies, ritt ſchnell hinzu, da aber das Vorland unter dem Waſſer hier ſteil endet, ſo ſtürzte er über den Kopf des ſchnell herunterſinkenden Pferdes. Nun zog der Herr Lieutenant von Bismarck ſchnell ſeinen Uniformrock aus, ſprang von dem mindeſtens 15 Fuß über dem Waſſerſpiegel hohen Brückengeländer in den See, riß zuerſt den Kühl auf das Vorland zu⸗ rück und brachte, im übrigen völlig bekleidet und mit Glacéhandſchuhen verſehen, den Hildebrand, der ſchon Waſſer geſchöpft hatte, aus der Tiefe waſſertretend glücklich auf das Vorland, ſtellte, von ihm umfaßt, dieſen, ſobald er auf dem Vorland Grund erhalten hatte, auf und brachte ihn, nachdem er ſtehend zum Bewußtſein gekommen war, glücklich auf das Ufer.... An derſelben Stelle des Sees, wo ſchon mancher beim Schwemmen ſeinen Tod fand, rettete der edle Otto von Bismarck mit völliger Verleugnung aller Gefahr des eigenen Lebens, mit ſeltenem Mut und aus⸗ gezeichneter Kraftanſtrengung das Leben zweier Menſchen.

Der Chroniſt, ein Oberpfarrer Stöhr, hat dieſen gleichzeitigen Bericht dann noch durch eine im Jahre 1866 nachgetragene Randbemerkung erweitert, welche wörtlich lautet:Was hätte man geurteilt, als ich vor dem Herrn Lieutenant von Bismarck im Hauſe Nr. 206 in der Stube links von der Eingangsthür ſaß und ihn nach ſeinem werten Stand und Namen fragte, um die neben⸗ ſtehende That hier niederſchreiben zu können, wenn ich ihm hätte ſagen können: Wie Sie heute Ihren Reitknecht aus dem hieſigen Wendelſee gezogen haben, werden Sie einſt Deutſchland aus den trüben Waſſern des alle geiſtige Entwickelung niederhaltenden Ultramontanismus und der öſterreichiſch⸗habsburgiſchen Hauspolitik reißend retten?

Auch der Nibelungenenkel trifft zu. Ein Eltervater Bismarcks hat unter dem großen Kurfürſten 1672 1675 gegen Lubwig XIV gefochten, und durch zwei Urgroßmütter ſtammt Bis⸗ marck von dem alten Feldmarſchall von Derfflinger ab. Sein Urgroßvater Auguſt Friedrich von Bismarck fiel 1742 bei Czaslau, ſein Großvater focht bei Roßbach mit, und über die dann folgende Generation der Familie Bismarck⸗Schönhauſen iſt zu berichten, daß zwei Mitglieder derſelben ſich 1809 als Offiziere beim Schillſchen Korps befanden und 7 an dem Befreiungskriege teilnahmen, wovon 3 auf dem Schlachtfelde blieben und die 4 anderen mit dem eiſernen Kreuz heimkehrten.

Aber noch 1858 mußte der Dichter klagen:

Wann doch, wann erſcheint der Meiſter Der, o Deutſchland, dich erbaut,

Wie die Sehnſucht edler Geiſter Ahnungsvoll dich längſt geſchaut:

Eins nach außen, ſchwertgewaltig Um ein hoch Panier geſchaart! Innen reich und vielgeſtaltig, Jeder Stamm nach ſeiner Art! Seht ihr, wie der Regenbogen Dort in ſieben Farben quillt? Dennoch hoch und feſt gezogen Wölbt er ſich, der Eintracht Bild. Auf der Harfe laut und leiſe Sind geſpannt der Saiten viel; Jede tönt nach ihrer Weiſe, Dennoch giebt's ein klares Spiel.

O wann rauſchen ſo verſchlungen Eure Farben, Süd und Nord? Harfenſpiel der deutſchen Zungen, Wann erklingſt du im Akkord?

Laß mich's einmal noch vernehmen, Laß mich's einmal, Herr, noch ſehn! Und dann will ich's ohne Grämen Unſern Vätern melden gehn.

Damals jedoch war der erſehnte Meiſter näher, als der Dichter ahnte. Soeben beendete er ſeine Lehrjahre, 1851 59 als preußiſcher Bundestagsgeſandter in Frankfurt, und war im Be⸗ griff ſeine Wanderjahre, 1859 62 als Geſandter in Petersburg und Paris, anzutreten; die Zeit war nicht mehr allzufern, in der er ſich als Meiſter zeigen ſollte.