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umſichtige Ausleſe zu halten haben; der Schüler ſoll den Gedankenkreis des Königs nur ſoweit kennen lernen, als ihm förderlich iſt; hiſtoriſche oder gar litterariſche Rückſichten dürfen nur in zweiter Linie zur Geltung kommen. Seine vielfachen Aeußerungen über franzöſiſche Litteratur und franzö⸗ ſiſche Schriftſteller ſind nicht wichtig genug. Mit größerem Rechte könnte man die letzte Hälfte des an d'Alembert gerichteten Briefes vom 28. Januar 1773 heranziehen zur Illuſtration, wie lange und unabläſſig ſich der König mit der Sorge um die litterariſche Zukunft ſeines Vaterlandes trug, bevor er ihr in ſeiner Schrift De la Littérature allemande öffentlichen Ausdruck lieh. Dahin gehört auch der merkwürdige Brief an Voltaire vom 24. Juli 1775, aus dem ich die betreffende Stelle hier her ſetzen will:
„O wie nützlich ſind den Menſchen doch die ſchönen Wiſſenſchaften! Sie ſchaffen Erholung von der Tagesarbeit, ſie zerſtreuen die politiſchen Dünſte, die den Kopf einnehmen, ſie mildern den Geiſt, tröſten die Betrübten und machen das einzige Vergnügen derer aus, welche ſich unter der Laſt des Alters krümmen und ſo glücklich geweſen ſind, in ihrer Jugend Geſchmack an jenen zu gewinnen. Unſere Deutſchen ſind jetzt auch ſo ehrgeizig, die Vorzüge einer ſchönen Litteratur ſich aneignen zu wollen; ſie wollen es Athen, Rom, Florenz und Paris gleichthun. Wie ſehr ich aber mein Vater⸗ land liebe, ſo kann ich doch nicht ſagen, daß es ihnen bisher gelungen ſei. Es fehlt ihnen zweierlei: Sprache und Geſchmack. Das Deutſche iſt zu weitſchweifig; Leute von Bildung ſprechen franzöſiſch, und einige Schulpedanten und Profeſſoren vermögen nicht ihr die Freiheit und leichten Wendungen zu geben, welche ſie nur im Umgangston der großen Welt erlangen kann. Dazu kommt noch die Verſchiedenheit der Dialekte; jede Provinz hat den ihrigen, und es iſt noch nicht ausgemacht, welcher den Vorzug verdient. Bis jetzt können ſie die Schriftſteller aus der Zeit des Auguſtus noch nicht nachbilden. Sie bringen nur ein fehlerhaftes Gemiſch von Römiſch, Engliſch, Franzöſiſch und Deutſch heraus und haben dabei nicht den freien Takt, das Schöne aufzufaſſen, da wo es ſich findet, das Mittelmäßige vom Vollkommenen, das Edle vom Erhabenen zu unterſcheiden, und jedes am richtigen Platze anzubringen. Wenn nur recht viele r in ihren poetiſchen Wörtern vorkommen, ſo halten ſie ihre Verſe für wohlklingend und gewöhnlich ſind dieſe nichts als ein Galimathias von Kunſtaus⸗ drücken. In der Geſchichte würden ſie ja nicht den allergeringſten, noch ſo unbedeutenden Umſtand auslaſſen.“*)
Dann darf natürlich auch die ſchon vorhin erwähnte Schrift über die deutſche Litteratur nicht übergangen werden. Zahlreiche Stellen eignen ſich ſehr gut zur Schullektüre, ſo z B. die Ausführung des Gedankens(p 4)**) qu'en tout pays on commence par le nécessaire pour y joindre ensuite ce qui nous procure des agréments; umfangreiche Stücke aus ſeiner Darſtellung der wiſſenſchaftlichen und litterariſchen Zuſtände, vor allem aber der prophetiſche Schluß(p 37, 15— 32): ceux qui viennent les derniers, surpassent quelque fois leurs prédécesseurs: cela pourra nous arriver plus promptement qu'on ne le croit; si les souverains prennent du goũt pour les lettres; s'ils encouragent ceux qui s'y appliquent, en louant et récompensant ceux qui ont le mieux réussi; que nous ayons des Médicis, et nous verrons éclorre des génies. Des Augustes feront des Virgiles. Nous aurons nos auteurs classiques; chacun, pour en profiter, voudra les lire; nos voisins apprendront l'allemand, les cours le parleront avec délice, et il pourra arriver que notre langue polie et perfectionnée s'étende en faveur de nos bons écrivains d'un bout de l'Europe à l'autre. Ces beaux jours de notre littérature ne sont pas encore venus; mais ils s'approchent. Je vous les amoonce, ils vont paraitre; je ne les verrai pas, mon àge m'en interdit l'espérance. Je suis comme Moise; je vois de loin la Terre promise, mais je n'y entrerai pas.
Es verſteht ſich wohl von ſelbſt, daß man Irrtümer und Mißgriffe wie etwa die Vorſchläge über die Aenderung der Sprache zu Gunſten des Wohllautes: sagena, gebena, nehmena nicht aufnehmen wird, denn nicht hiſtoriſche Curioſa ſollen hier aufgetiſcht, ſondern aus dem vorhandenen Material ſoll ein Ganzes komponiert werden, das unmittelbar Geiſt und Gemüt bildet und die Vaterlandsliebe fördert.
*) a. a. O. Bd. III, S. 298—9. **) vgl. Deutſche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts Heilbronn. Gebr. Henninger. No. 16.


