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jenes Werk Friedrichs den Leſeſtoff bilden, ſondern daß der große König ſelbſt das Centrum der Aufmerkſamkeit ſein ſoll.
Bisher ſchloſſen unſere Unterſuchungen immer mit einem negativen Ergebnis; die eben ge⸗ wonnene Erkenntnis führt uns nun aber auch in die poſitive Richtung. Die hiſtoriſchen Werke Friedrichs geben uns nur von ſeinen Thaten und Leiſtungen Kunde; was er dachte, was er fühlte offenbart ſich uns mit voller Unmittelbarkeit in jenen Briefen, die er an ſeine Vertrauten richtete. Wer die Perſon des Königs kennen lernen will, der darf ſie nicht ungeleſen laſſen; ſie erſetzen uns einigermaßen den perſönlichen Verkehr, durch den man den Helden erſt recht lieben lernt. Darum ſollen auch die Briefe durchmuſtert und das für die Jugend Taugliche herausgehoben werden. Da iſt der Marquis d'Argens, den er zum Vertrauten ſeiner Seelenleiden macht. Was vermag z. B. beſſer den Schmerz des Königs über die Niederlage bei Kolin zu ſchildern, als der Brief, den er am 19. Juli von Leitmeritz aus an den Marquis ſchreibt?„Sehen Sie mich,*) mein lieber Marquis, als eine Mauer an, in die das Unglück ſeit zwei Jahren Breſche geſchoſſen hat. Ich werde von allen Seiten erſchüttert. Häusliche Unglücksfälle, geheimer Kummer, öffentltche Not, neu bevorſtehende Plagen, das iſt mein tägliches Brot. Aber denken Sie nicht, daß ich weich werde. Man muß ſich ſchützen in dieſen heilloſen Zeiten durch Eingeweide von Eiſen und ein Herz von Erz, um alles Ge⸗ fühl zu verlieren. Der nächſte Monat wird mir ſchrecklich werden und entſcheidend für mein armes Land. Meine Rechnung iſt: ich werde es retten, oder mit ihm untergehen. Ich habe mir eine Denkungsart angeeignet, wie ſie fich für ſolche Zeiten und Umſtände ſchickt. Nur mit den Zeiten eines Sulla, eines Marius, der Triumvirate und mit den entſetzlichſten und grimmigſten Ereigniſſen der Bürgerkriege läßt ſich unſer Zuſtand vergleichen. Sie ſind zu weit entfernt von hier, um ſich eine Vorſtellung von der Kriſis machen zu können, in der wir uns befinden, und von den Greueln, die uns umgeben. Denken Sie auch daran, wie viele mir äußerſt teure Perſonen ich ſo nach und nach eingebüßt habe, und welche Widerwärtigkeiten ich mit großen Schritten auf mich zukommen ſehe. Was fehlt mir wohl noch, um nicht vollſtändig in der Lage des geplagten Hiob zu ſein? Meine ſonſt ſchwache Geſundheit erträgt, ich weiß ſelbſt nicht wie, alle dieſe Stürme, und ich erſtaune, wie ich in Lagen aushalte, vor welchen ich noch vor drei Jahren geſchaudert hätte.
Das iſt freilich ein Brief, an dem Sie wenig Freude und Troſt finden werden! Allein ich muß Ihnen mein Herz ausſchütten und ſchreibe mehr, um daſſelbe zu erleichtern, als um Sie ange⸗ nehm zu unterhalten. Schreiben Sie mir doch zuweilen und ſeien Sie meiner Freundſchaft verſichert. Leben Sie wohl!“
Oder ein anderes Beiſpiel.— Das wird auch dem jugendlichen Sinn ohne Weiteres klar ſein, daß Friedrich den Mangel an Streitkräften durch überlegene Klugheit erſetzte. Aber wieviel geiſtige Arbeit höchſter Anſpannung hinter ſeinen geſchickten Manövern ſteckte, das zu erwägen dürfte ihm vielleicht nicht beikommen. Um ſo mächtiger wird da eine Stelle aus dem an denſelben Adreſſaten gerichteten Brief vom 14. Mai 1760 wirken:
„Sie ſehen, daß alle Hoffnungen auf Frieden verſchwunden ſind und daß meine Feinde die gewaltigſten Zurüſtungen betreiben. In drei Wochen werde ich zweimalhundertundzwanzigtauſend Mann auf den Hals bekommen. Ich habe nur ungefähr halb ſo viel; es iſt alſo begreiflich, daß ich notwendig da unterliegen muß, wo ich am ſchwächſten ſein werde und der Uebermacht, die mich drückt, nichts entgegenſetzen kann. Der Kopf dreht ſich mir regelmäßig alle Tage drei⸗ bis viermal, wenn ich mich quäle Hilfsmittel zu finden und nicht zu meinem Zwecke kommen kann.“
Solche Bekenntniſſe bringen den Heros, der in ſeinen Geſchichtswerken in leidenſchaftsloſer Erhabenheit erſcheint, dem Leſer menſchlich näher und vermitteln einen ganz neuen Standpunkt für ſeine Betrachtung und Bewunderung: den der gemütvollen Teilnahme an ſeinen perſönlichen Schickſalen.
Wenn die Briefe an den Marquis d'Argens uns über die Gemütsſtimmung des Königs Aufſchluß geben, ſo legt die mit Voltaire und d'Alembert geführte Correſpondenz von der Vielſeitig⸗ keit und dem Ernſte ſeines Intereſſes beredtes Zeugnis ab. Man wird natürlich auch hier eine
*) Ausgewählte Werke Friedrichs des Großen. Ins Deutſche übertragen von Hein. Merkens. Würzburg 1873— 8. Bd. IV, S. 222.


