Aufsatz 
Gedanken zu einem französischen Lesebuch aus den Werken Friedrichs des Großen
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

zumal wenn gleich im Anſchluß an dieſe Sichtung Bedenken rückſichtlich anderer Momente wach werden, die ſich auch bei der Muſterung der Histoire de mon Temps bereits gemeldet hatten. Iſt es wirklich ratſam, den Schüler in das Labyrinth der europäiſchen Politik zu führen? Kann ſein Geiſt dieſe Thatſachen alle, deren Zuſammenhang zwar Friedrichs Scharfſinn ſiegreich durchdrungen und ſeine glänzende Feder klar dargelegt hat, die aber nur mit der ſchleichenden Langſamkeit und der geteilten Aufmerkſamkeit fremdſprachlicher Lektüre zu ſeiner Mitteilung gelangt, mit eins zuſammen⸗ ſchauen? Und ferner: Sind auch wirklich alle Anknüpfungspunkte vorhanden, welche Friedrich bei ſeinen Leſern vorausſetzte? Knörich hat z. B. an der geiſtfunkelnden Introduktion ſo gut wie nichts geſtrichen, und ebenſo hat Semmig gethan. Und es iſt wahr, ſie iſt ſo ſchön, ſo blendend geſchrieben, daß der pädagogiſche Fehler der beiden Herausgeber ihrem Schönheitsgefühl zur Ehre gereicht. Allein ſuchen wir uns dem Zauber zu entziehen, indem wir uns den Inhalt ſo zu eigen machen, als ge⸗ hörte er uns, und könnten wir mit ihm ſchalten und walten nach eigenem Ermeſſen. Geſetzt wir hätten ſelbſt dem Schüler einen Ueberblick über die Lage Europas um 1740 zu geben, würden wir uns da eine auch nur annähernd ähnliche Breite geſtatten? Würden wir nicht ſolche Staaten wie Portugal, Venedig, die Türkei mit Stillſchweigen übergehen? Und auch bei der Schilderung der Zuſtände in den einzelnen Staaten, wie Oeſterreich, Frankreich, England, Schweden, Rußland ꝛc. wäre doch wohl das Maß geboten, welches der Kenntnisſtand der Schüler an die Hand giebt, wenn man nicht in den Fehler verfallen wollte, viele unbekannte und daher eingehende und häufig ab⸗ ſpringende Erläuterungen erheiſchende Namen und Dinge auszukramen. Um kein Haar breit geringer iſt der Mißgriff, wenn man den Schülern ein Buch darbietet, welches der pädagogiſchen Redaktion ermangelt. Zwar kann der Lehrer ſelbſt Streichungen vornehmen und anordnen, aber es hat viel Mißliches, auch für das Anſehn des Autors wenn dadurch die Schrift erheblich durchlöchert wird. So wenig daher den genannten Herausgebern das nicht kleine Verdienſt geſchmälert werden ſoll, für die Schullektüre einen ausgezeichneten Stoff zugänglich gemacht zu haben, ſo bleibt doch noch ein meines Erachtens kaum minderes Verdienſt übrig für denjenigen, der es unternähme, die Schriften Friedrichs einer ſorgfältigen pädagogiſchen Redaktion zu unterziehen, ſo daß eine angemeſſene Auswahl des Wichtigen die jugendliche Kraft nicht durch eine fremdartige Ueberfülle erdrückte.

Die bisherigen Erwägungen haben als Reſultat ergeben, daß man das ſtrategiſche und politiſche Element der Friedricianiſchen Darſtellung nach der dem Schülerverſtändnis entſprechenden Maßgabe zu beſchränken haben wird. Dieſe Reduktion wird auch hinſichtlich der hiſtoriſchen Portraits ihre Geltung behalten. So anziehend dieſe auch ſind, ſo ſehr ſich hier auch Friedrich als der große Menſchenkenner und Meiſter der Feder bewährt, auch in dieſer Rückſicht wird man dem guten Grund⸗ ſatz non multa sed multum zu folgen haben. Geywiß iſt es höchſt intereſſant Friedrichs Charakter⸗ ſchilderung von Walpole zu erhalten: Ce prince(George II) avait pour ministre le chevalier Robert Walpole. Il captivait le roi en lui faisant des épargnes de la liste civile, dont George grossissait sou trésor de Hanovre; il maniait l'esprit de la nation par les charges et les pensions qu'il distribuait à propos pour gagner la supériorité des membres du parlement; son génie ne s'étendait pas au delà de l'Angleterre: il s'en remettait pour les affaires générales de l'Europe à la sagacité de son frère Horace. Un jour que des dames le pressaient de faire avec elles une partie de jeu, il leur répondit:j'abandonne le jeu et lEurope à mon frère. JII n'entendait rien à la politique; c'est ce qui donna lieu à ses ennemis de le calomnier, en l'accusant d'ètre susceptible de corruption. Aber die Frage iſt, ob das Bild, welches der Schüler dadurch von dieſem Staatsmann erhält, wirklich die Zeit wert iſt, die ihn die Lektüre dieſes Abſchnitts koſtet. Die Antwort kann wohl nur negativ ausfallen. Denn Walpole ſteht doch nicht im Vordergrunde des Intereſſes. Im Allgemeinen dürfte rückſicht⸗ lich der Charakterſchilderungen wohl der Grundſatz gelten, daß für den Schüler die Thatſachen wichtiger ſind, aus denen er ſich nach ſeinem Vermögen die allgemeinen Züge herleiten kann, als eine Charak⸗ teriſtik, deren abſtrakte Nomenklatur zum Teil für ihn leer bleibt, weil es ihm an Erfahrung gebricht.

Durch eine konſequente Anwendung dieſes Kriteriums wird man das Reſultat erreichen, welches die Erziehungskunſt gebieteriſch fordert: daß auch für den Geſichtskreis des nur langſam in der Lektüre vorrückenden Schülers Friedrich immer im Vordergrunde bleibt.

So ſind wir nun allmählich zu der Erkenntnis vorgedrungen, daß nicht ſowohl dieſes oder