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Nun beſitzen wir in Friedrichs Werken ein treues und ſehr ausführliches Bild ſeines er⸗ lauchten Geiſtes, in deſſen ſinnenden Anblick verſenkt wir immer aufs neue Belehrung und Willens⸗ kraft ſchöpfen können. Von dem tiefen innern Drang ſeiner Zeit ſich das eigene Selbſt in dem Publikum vorgelegten„Confessions“ zu objektivieren ergriffen, hat der große König das Spiel der Kräfte ſeiner Seele in ſeinen zahlreichen Schriften der Betrachtung und dem Nachdenken bloß gelegt, und wenn wir nichts von einer Generalbeichte darin entdecken, ſo iſt das der beſte Beweis für die wurzelhafte Geſundheit ſeiner Natur. Dieſe Schriften, publiciert zur Belehrung der Oeffentlichkeit teils über Principien, wie der Antimacchiavel, vornehmlich aber über die rechte Würdigung ſeiner Motive und Thaten, ſind darum nicht minder an uns gerichtet; hatte der Verfaſſer doch ſtets bei allen ſchriftſtelleriſchen Arbeiten die Nachwelt im Auge.
Welche Wirkung dürfen wir uns aber von der Lektüre Friedrichs verſprechen? Allem voran ſteht der Einfluß, den ſie auf den Charakter haben muß. Daß der Umgang mit bedeutenden Männern auch den Charakter bildet, wer wollte es leugnen? Und die Schriften Friedrichs haben Vieles an ſich von der Unmittelbarkeit der Aeußerung des Augenblicks. Alle ſind ſie freiwillige und ſpontane Emanationen ſeines Geiſtes, über keiner hat ein tardum ingenium gebrütet, alle zeigen ihn bei der Arbeit, wie er vor unſern Augen den mächtigen Bau aufführt. Dieſer friſche Puls lebendiger Ur⸗ ſprünglichkeit wird ein ähnliches Leben in der leicht empfänglichen Jugend erwecken.— Freilich unſere Dichter haben uns herrliche Ideale aufgeſtellt, die ihre erziehende Kraft ſchon oft genug bewährt haben. Aber ich ſtehe nicht an zu behaupten, daß in mancher Hinſicht ihre Wirkung übertroffen wird von der der realen Verhältniſſe, welche wir bei Friedrich finden. In der Dichtung vermißt der Schüler, der das Zwingende der pſychologiſchen Notwendigkeit doch nicht ganz zu würdigen verſteht, ſo zu ſagen, die beweiſende Probe zu der ethiſchen Löſung. Anders in der Geſchichte. Hier iſt alles Wirklichkeit, kein Zweifel iſt geſtattet, und was die Wirklichkeit lehrt, deſſen Ausführbarkeit leuchtet ſofort ein.— Und nun zum Einzelnen. Wer hat eine größere Thätigkeit entfaltet als Friedrich? Er hat glorreiche Kriege geführt, die das Schickſal ſeines Landes auf Jahrhunderte entſchieden, und bei denen er allein die Seele des Kampfes war. Kaum legt er das Schwert aus der Hand, als er mit freudigem Eifer an die Verbeſſerung ſeines Landes, an die Erziehung ſeines Volkes, an die ſtaatsökonomiſchen Aufgaben geht; und daneben findet er doch noch Zeit, dreißig Bände zu ſchreiben, die für ſich allein dem Autor einen Platz unter den größten Geiſtern ſeiner Zeit ſichern.— Dazu gehörte ein ſtarkes Pflichtgefühl, die gewiſſenhafteſte Pflichterfüllung. Die Pflicht ſteht höher als der Menſch, das hat er mehr als ein Mal ausgeſprochen, immer befolgt. Daher ſeine, man kann ſagen, begeiſterte und begeiſternde Liebe zur Tugend; ihr ziemt keine Belohnung, wozu würe ſie ſonſt die Tugend? Nur um ihrer ſelbſt willen ſoll ſie geliebt und geübt werden. Freilich ſchwer iſt es ihren Forderungen zu genügen, oft zeigt gewiſſenhafte Selbſtprüfung, wie gar weit die That hinter dem Willen zurückgeblieben iſt. Das Ziel aber, das er einmal als das richtige erkannt hat, verfolgt er mit einer Entſchloſſenheit, der kein Mißerfolg etwas anhaben kann, und mit einer Energie, die auch vor dem Aeußerſten nicht zurückſchreckt.„Er beſaß, ſagt Joh. v. Müller in der von Goethe über⸗ ſetzten Rede vom 29. Januar 1807, über ſich ſelbſt die ungeheure Gewalt, die auch dem Glück ge⸗ bietet. Dieſe Göttin wurde ihm untreu, er fühlte es wohl, doch ließ er ſichs nicht merken und überwand ſie wieder“.— An die Vaterlandsliebe iſt wohl nur nötig kurz zu erinnern; ſie kann durch keinen Leſeſtoff mehr gefördert werden.
Nicht minder vorteilhaft wird die Lektüre in intellektueller Beziehung wirken. Man denke an ſeine Achtung vor der Wiſſenſchaft. Die ſchweren Staatsgeſchäfte, der Lärm des Krieges nehmen ſeinen Sinn nie ſo ausſchließlich ein, daß er das Intereſſe an den geiſtigen Eroberungen verlöre. Nicht müde wird er ſich von Voltaire belehren zu laſſen; mit ſcharfem Blick überſchaut er das weite Feld des damaligen Wiſſens; die großen Entdeckungen weiß er ihrem Werte nach abzuſchätzen und — das iſt zugleich ein glänzendes Zeugnis für ſeine ſelbſtloſe Wahrheitsliebe, von der Napoleon bei ſeinem bekannten Ausſpruch über das Schickſal im Drama weit entfernt war— er erkennt ihnen eine größere Tragweite zu als den kriegeriſchen Eroberungen.— Beſonders aber wird der Schüler aus der Lektüre viel für die Auffaſſung der Geſchichte im allgemeinen und der vaterländiſchen im beſonderen lernen. Dieſer Autor ſteht, äußerlich und innerlich, auf der Menſchheit höchſtem Gipfel und ſieht die Welt in ihren ccharakteriſtiſchen Zügen vor ſich ausgebreitet. Und was ſein kluges


