Aufsatz 
Gedanken zu einem französischen Lesebuch aus den Werken Friedrichs des Großen
Entstehung
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aus den Werken Friedrichs des Großen.

Es iſt eine unbeſtrittene Thatſache, welche in mehr als einer Hinſicht einen gewaltigen Fort⸗ ſchritt dokumentiert, daß unſer Zeitalter ſeine Heroen nicht in der Nebelferne der Sage zu ſuchen hat, ſondern ſie in der unendlich wirkſameren Erdennähe findet, als hellleuchtende Bilder, deren ſcharf umriſſene bis auf kleinſte Züge erkennbare Geſtalten in ſo energiſcher Lebensfülle vor unſern Augen wandeln, daß ſie wohl noch auf lange Zeit der anders gearteten Kraft der Poeſie widerſtehen werden. Ich meine vor allem zwei Männer, die unſerem Volke ſeine Lebensbahn gewieſen haben: Luther und Friedrich den Großen. Beide ſind in ſo eminentem Sinne unſere Erzieher geweſen, daß wir ein gut Teil alles Beſten was wir denken und thun, auf ſie zurückführen müſſen.

Wir wollen uns hier mit dem Letzteren beſchäftigen und zunächſt die Frage zu beantworten ſuchen: Können wir den Genius des Einzigen Friedrich anrufen, daß er, wie er der Erzieher ſeines Volkes war, uns auch heute, nachdem gerade hundert Jahre verfloſſen ſind, ſeitdem ſein Auge ſich ſchloß, bei dem Werke der Erziehung unſerer Jugend ſeine kräftige Hilfe leihe?

Vor allem kommt es darauf an, Friedrichs Stellung im Organismus der höheren Schulen zu fixieren. Keinem unſerer Schüler, ſelbſt der jüngeren, iſt die Perſon des großen Königs unbekannt; Anekdoten, Lieder, Gedichte, Geſpräche im Familienkreiſe, Reden bei Schulfeierlichkeiten und endlich der Unterricht vermitteln jedem eine lebendige und auf Liebe gegründete Auffaſſung. Aber ſo groß iſt der Zauber, der von dieſem Helden ausgeht, daß das Verlangen nach Kenntniß immer wächſt. Wel⸗ cher Junge wüßte nicht gerne noch mehr vom alten Fritz? Beweis genug, daß der Gegenſtand ſeiner Natur zuſagt, ſeine Kräfte ins Spiel ſetzt. Hier alſo finden wir bei dem Zöglinge frohes Entgegen⸗ kommen. Und überall bietet ſich uns bei dieſem Manne eine Fülle von Anknüpfungspunkten; tief in die Vergangenheit des deutſchen Vaterlandes zurück und bis in unſere Tage laufen die Verbindungs⸗ fäden, denn Friedrich iſt ein Centralpunkt, wie es wenige giebt, von dem aus man ein weites, weites Kulturgebiet überſchaut. Beſonders aber bezeichnet er den politiſchen Höhepunkt des achtzehnten Jahrhunderts und inſofern bildet der Stifter der Großmacht Preußens und damit Deutſchlands eine notwendige Ergänzung, ja, geforderte Erläuterung zu der großen litterariſchen Bewegung in dem Bilde derjenigen Zeit, in welcher, als in der Jugend, faſt alle Wurzeln unſers geiſtigen Daſeins ſtecken. Während nun eine quellenmäßige Kenntnis der idealen Erzeugniſſe dieſer Zeit ſchon lange eine anerkaunte und auch erfüllte Forderung iſt, glaubt man der nicht minder wichtigen realen That des großen Staatsmannes durch Darſtellungen aus dritter oder vierter Hand gerecht zu werden, ob⸗ wohl er von großen und kleinen Dichtern und Denkern bewundernd als der geprieſen worden iſt, der den erſten wahren und höheren Lebensgehalt in die deutſche Poeſie gebracht habe. Dabei darf nicht vergeſſen werden, daß ein Mann von der realen Robuſtheit Friedrichs mit mächtig in die Augen ſpringenden Reſultaten dem thatenluſtigen Herzen des Jünglings verwandter iſt und ſeinem Verſtändnis näher ſteht, als beiſpielsweiſe das ideale, nur im Innern arbeitende, äußerlich in ſtiller Größe wan⸗ delnde Götterbild Goethes. Ueberall klar ſich darſtellende Ziele, die auch ein jugendlicher Sinn faßt, überall eine Kraft in Thätigkeit, deren die Jugend einen Teil in ſich zu verſpüren meint: wie ein Antäus ſteht er da; nichts vermag ihn von der Erde, dem mütterlichen Boden ſeiner Rieſenkraft, zu reißen! Kein Fauſtiſches Unmögliches, kein Zweifel, wo das Glück zu finden iſt, denn der Weisheit letzten Schluß:

Nur der verdient ſich Freiheit, wie das Leben, Der täglich ſie erobern muß hat Friedrich ein halbes Jahrhuudert hindurch geübt.