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als zur Zeit der Römerherrſchaft ſeinen Bedarf an Getreide und muß, außer Reis und Mais, noch bedeutend einführen, beſonders Weizen. Der geringere Ertrag an Getreide wird aber reichlich gedeckt durch die weit gewinnreichere Baumkultur. Ein Hektar Weizen z. B. bringt in der Gegend von Genua erſt einen Roh⸗Ertrag von 220 fes, ein Hektar Olbäume dagegen 810 fes, alſo faſt viermal ſoviel, und ein Hektar Agrumi 4000 fes, alſo faſt das Zwanzigfache.
Der Reichtum Italiens an landwirtſchaftlichen Nutztieren ſtellt ſich nach der Vieh⸗ zählung vom Jahre 1877 auf Rinder: 3 489 125(darunter Ochſen 2 076 492; Kühe 1 380 380; Stiere 32 253); Büffel: 15 191; Schafe: 7 098 144; Ziegen: 1 576 383; Pferde: 657 544; Maultiere und Mauleſel: 293 868; Eſel: 498 766; Schweine: 1 553 582. Die in Italien verbreiteten Rinderſtimme werden gewöhnlich unter dem Namen„romaniſche Raſſe“ zuſammen⸗ gefaßt und dem oſt⸗ und ſüdoſteuropäiſchen Grauvieh beigezählt. Es läßt ſich auch nicht leugnen, daß dieſelben nach Körpergeſtalt, Haarfärbung und Nutzungseigenſchaften mehr oder weniger Ähnlichkeit mit dem genannten Grauvieh zeigen; allein die äußeren Umſtände und Verhältniſſe, ſchon der Aufenthalt in waſſerreichen, mit üppigen Gräſern und ſaftigen Futterkräutern bewachſenen Ebenen und fruchtbaren Thälern oder auf trocknen, nur ſpärliches Futter bietenden Höhen ꝛc., haben ſo große Verſchiedenheiten hervorgerufen, daß die Italiener es ſich nicht nehmen laſſen, verſchiedene Raſſen, nicht blos Schläge, ihrer Rinder zu unterſcheiden. Die vorherrſchende Farbe derſelben iſt allerdings grau, aber ein Grau, welches in den verſchiedenſten Nüancen auftritt, die der Italiener mit bigio bidſcho) aſchgrau, bigio chiaro(bidſcho kiaro) hellgrau, bigio scuro(bidſcho ſkuro) dunkelgrau, colombino, bläulich ſchillerndes dachsgrau, eigentlich taubengrau, frumentino oder formentino weizenfarbig, bigio e bruno braun und grau, bigio e rosso grau und rot, bigio moro ſchwarz⸗ grau u. ſ. w. bezeichnet; ja, die ſchönſte und berühmteſte Raſſe Mittel⸗Italiens, die Raſſe von Chiana in der Provinz Arezzo ꝛc., iſt ganz weiß. Wahrſcheinlich iſt dies dieſelbe Raſſe, aus der ſchon die alten Römer die zu den Opfern erforderlichen weißen Rinder nahmen, welche ſich in der Gegend von Spoleto im Thale des von ihnen Clitumnus, jetzt Le Vene genannten kriſtallhellen Baches fanden, deſſen Waſſer, purus et vitreus, wie Plinius der Jüngere es nannte, die merkwürdige Eigenſchaft beſitzen ſollte, die Rinder weiß zu färben.
Unverkennbare Ähnlichkeit mit dem ungariſch⸗podoliſchen Vieh beſitzt die Razza Pugliese, welche hauptſächlich in den Niederungen der venetianiſchen Provinzen Rovigo und Padua gehalten wird, aber auch noch weiter ſüdlich über Ferrara und Bologna verbreitet iſt. Während meines Aufenthaltes in Italien bezogen wir vielfach aus der Gegend von Padua ſowohl Arbeits⸗ als Maſt⸗ ochſen dieſer Raſſe, welche in beiden Richtungen vorzügliches leiſteten. Es fiel mir auf, daß die meiſten dieſer, aus den dortigen ſumpfigen Küſtengegenden des adriatiſchen Meeres angekauften Ochſen eine vernarbte Schnittwunde über den linken unteren Rippen zeigten, und nach näherer Erkundigung erfuhr ich, daß dieſe von Haarſeilen herrührte, die mit der giftigen, offizinellen Wurzel der ſchwarzen Nieswurz(Helleborus niger it. Elleboro nero) dort allgemein gelegt werden, um die Tiere gegen den in dieſen Gegenden häufig auftretenden Milzbrand zu ſchützen. Daſſelbe Mittel, nur mit etwas abergläubiſchen Zuthaten vermiſcht, empfiehlt Columella VI, 5 und 14 gegen anſteckende Krankheiten aller Art:„Eine kleine Wurzel, welche die Hirten falſche Nieswurz nennen, iſt mir auch als ein kräftiges Mittel bekannt. Sie wächſt häufig auf den Marſiſchen Bergen, und iſt allem Vieh ſehr heillſam. Man gräbt ſie vor Sonnenaufgang mit der linken Hand aus, weil man glaubt, daß ihr dieſes große Kraft mitteilt(?). Die Art ihres Gebrauches iſt folgende. Man durchritzt mit einer Ahle von Erz den äußerſten Teil des Ohrs in der Runde, ſo daß das hervordringende Blut die Figur eines Kreiſes kenntlich macht. Wenn dieſes auf der oberſten und unterſten Seite des Ohres geſchehen iſt, ſo durchſticht man mit dieſer Ahle die Mitte des durchgeritzten Kreiſes, und legt die vor⸗ gedachte Wurzel in das gemachte Loch, welche die friſche Wunde ſo feſt in ſich ſchließt, daß ſie nicht herausfallen kann. Dieſe Wurzel ziehet alle Krankheit und Gift aus dem Vieh an ſich, bis der Teil des Ohrs, ſo weit er im Umkreis durchgeritzt iſt, abſtirbt und abfällt, und ſo mit Verluſt eines kleinen Teiles des Körpers das Leben erhalten wird.“ Die Beurteilung dieſes Mittels überlaſſe ich den Herren Tierärzten. Die Ochſen der Razza Pugliese werden 12 bis 16 Zentner ſchwer und das Paar 5⸗bis 6jähriger Zugochſen wurde bei meinem Dortſein mit 725 bis 736 fes bezahlt.
In Venetien iſt ferner verbreitet die meiſt weißgraue Belluneſer Raſſe(Razza Bellunese


