Aufsatz 
Landwirtschaftliche Skizzen aus Ober-Italien : 2. Teil
Entstehung
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Kaſtanie oder der Maronenbaum ein, den man namentlich an den Abhängen der Apenninen und Alpen oft in ganzen Wäldern findet. Seine Früchte, die Kaſtanien oder Maronen find von großer Bedeutung für die Volksernährung, da ſie als teilweiſer, ja bei den geringeren Volksklaſſen oft als vollſtändiger Erſatz des Brotes dienen, wozu ſie ihr Gehalt an Nährſtoffen(37,76% Stärke, 23% Dextrin, 17,67% Zucker, 1,71% Fett, 9% Proteinſtoffen) auch vollkommen berechtigt*). überall an den öffentlichen Plätzen der Städte ſieht man die Caldarrostari(Kaſtanien⸗Röſter und Verkäufer) mit ihren kleinen Röſtöfchen und für 10 Centeſimi ſtellt ſich hier der genügſame Italiano ſein Mittageſſen. Niſſen(Italiſche Landeskunde, Berlin 1883) ſagt:Sie(die Kaſtanien) nähren den Menſchen ohne Arbeit: um die Corſen aus ihrer trägen Beſchaulichkeit aufzurütteln, plante die franzöſiſche Regierung im vorigen Jahrhundert die Ausrottung der Kaſtanienbäume und erließ in der That ein Verbot Kaſtanien anzupflanzen, das einige Jahre in Kraft blieb. Auch die 8 bis 10 m hohe Karube oder der Johannisbrotbaum(carrubbio) liefert in ſeinen fleiſchigen, 50% Zucker und etwas freie Butterſäure enthaltenden Hülſen(carrubba, Johannisbrot) einige Nahrung, die aber weniger bei den Italienern, als bei den deutſchen Kindern beliebt iſt und in Italien mehr an Pferde und andere Zugtiere, mit Kleie vermiſcht, Verwendung findet. Feigen, Pfirſiche und Aprikoſen von außerordentlicher Größe und Güte, Mandeln, Wallnüſſe(noci), Haſelnüſſe(nocciuoli) ꝛc. gedeihen in Hülle und Fülle. Wenn man den Reichtum Italiens an Wein und allen dieſen Fruchtbäumen überblickt, möchte man es eher das Land des Bacchus und der Pomona, als das der Ceres nennen. Wie ſehr dieſe Früchte geſucht ſind, davon gibt die Bewegung des Handels in denſelben eine Probe. Nach Prof. Gaetano Cantonis Zuſammenſtellung in ſeinem Almanacco agrario pro 1873 betrug die Ausfuhr:

1869 1870 1871

Aranci, bergamotti e limoni in metr. Centnern 880,985 777,020 887,840 Carrubbe(Johannisbrot). 8 24,623 24,350 36,840 Uva fresca(friſche Trauben) 6 18,188 11,594 23,816 Frutti verdi(friſches Obſt) 64,547 57,404 78,816

seecchi(getrocknete Feigen), 53,093 54,083 96,829 Mandorle(Mandeln)..JI57,033 30,964 65,866 Noci e nocciuoli con guscio (Nüſſe und Haſelnüſſe mit Schale),, 33,116 39,951 60,108 Olio d'ulive(Olivenöl). 4 776,180 578,347 841,106

Die Provinz Bari(Unteritalien) allein exportierte 1873 an Agrumi 610 metriſche Zentner; Johannisbrot(Carrubba) 15,151 m. Ztr.; getrocknete Feigen 9840 m. Ztr.; Mandeln 19,182 m. Ztr.; Wallnüſſe und Haſelnüſſe 672 m. Ztr. und Olivenöl 105,619 Quintali oder metr. Zentner. Die friſchen Feigen werden im ſüdlichen Italien zu 8 Centeſimi das Kilogr und die getrockneten zu 20 Centefimi verkauft. Zu San Salvatore in Ober⸗Italien erhielten wir pro 100 Pfund friſcher

eigen 3 fcs.

3 Die andern Nutzpflanzen, welche im Schatten der Bäume und Reben kultiviert werden, wurden ſchon im 1. Teile beſprochen, auch die für die italieniſche Landſchaft charakteriſtiſchen Zier⸗ bäume, die Pinie mit den eßbaren Kernen in ihren Zapfen und die ſtolze Cypreſſe, ebenſo Lorbeer und Myrte. Es ſei nun noch erwähnt, daß auch da, wo keines Menſchen Hand mehr pflanzt und pflegt, auf trockenen Geſteinen, altem Gemäuer, Ruinen ec. noch wertvolle Pflanzen emporſproſſen, wie der Kapernſtrauch, der Feigenkaktus(Cactus opuntia), der in ſeiner ſaftigen Frucht auch da noch Labſal ſpendet, wo jede andere Frucht nicht mehr fortkommt, die amerikaniſche Agave, welche bis Botzen(Südtyrol) vordringt und beſonders durch ihre Baſtfaſern wichtig iſt.

In Bezug auf die Mannigfaltigkeit der Kulturflora Italiens wird Niemand beſtreiten, daß Italien an Produkten des Pflanzenreichs ein reiches Land ſei. Trotzdem liefert es ebenſo wenig

*) Neßlers und v. Fellenbergs Analyſen getrockneter Kerne echter Kaſtanien(Hoffmann, agrikulturchem.

Jahresber. 1873/74 II. S. 9) ergaben einen Durchſchnittsgehalt von 14,31% Protein; 2,57% Fett; 76,33 0p ſtick⸗ ſtofffreien Extraktſtoffen; 3,32% Holzfaſer und 3,45% Aſche, welche namentlich reich an Phosphorſäure und Kali iſt.