Aufsatz 
Landwirtschaftliche Skizzen aus Ober-Italien : 2. Teil
Entstehung
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Canna genannt) zu Weinbergspfählen, zur Einfriedigung von Gärten ꝛc. und die Anlage eines canneto, eines Röhrichts(arundinetum), ſowie die eines salcéto(Weidengebüſches) zu Bind⸗ weiden für Weinſtöcke gehörten ſowohl im Altertum als auch vielfach heute noch mit zu den italieniſchen Gutseinrichtungen. Wenn man im jetzigen Italien auf den Höhen hier und da, wo die Oberfläche hinreichend mit Erde bedeckt und feucht genug iſt, noch einzelne ſchöne Wälder findet, ſo ſind dieſelben im ganzen doch ſehr ſelten und viele Italiener, beſonders die Bewohner der Ebenen, haben noch nie einen eigentlichen Wald(selva, foresta) geſehen, das was ſie ſo nennen (bosco) iſt meiſt Gehölz oder Buſchwerk(boschetto, macchia), aus welchen einzelne dünnſtämmige Bäume hervorſehen. Ober⸗Italien bezieht daher ſehr viel Säge⸗ und Bauholz aus Südtirol.

Die Ausrodung der Wälder hatte außer dem fühlbaren Holzmangel noch andere ſchlimme Folgen. Die atmoſphäriſchen Niederſchläge nahmen wohl in ihrer Jahresmenge nicht ab, verteilten ſich aber un⸗ günſtiger, auf ungleich kürzere Zeiträume. Die ſtarke Erwärmung der kahlen Berge und waldloſen Höhen erſchwerte die Verdichtung der Waſſerdämpfe, die Wolken zogen nun über dieſelben weg ohne ſich zu entleeren, entluden ſich aber periodiſch mit großer Heftigkeit und in bedeutenden Waſſermaſſen, die Torrenten und Flüſſe wurden ungeſtümer und ſchwemmten von den ihres Schutzes beraubten Höhen mächtige Erd⸗ und Geröllmaſſen zu Thal, welche die Flußniederungen verſumpften und zu neuen Heerden der böſen Fieberluft, der Malaria machten, die früher nur an den Küſten auftrat. Die Campagna von Rom und die toskaniſchen Maremmen ſind ſprechende Beiſpiele.

Daß die Wälder bei zunehmender Bevölkerung auf fruchtbaren Ebenen verſchwinden und andern, rentabeleren Pflanzen Platz machen müſſen, iſt ein Geſetz der Ziviliſation und in wirtſchaft⸗ licher Beziehung nur von Vorteil. Die entwaldeten und dadurch der Abſchwemmung ihrer fruchtbaren Erde ausgeſetzten Höhen dagegen ſind meiſt zu jeglichem Anbau ungeeignet, ſelbſt wenn man ſie wieder zu Wald anlegen wollte; die großen wirtſchaftlichen und klimatiſchen Nachteile der Höhenent⸗ waldung ſind daher niemals mehr gut zu machen. Höhen, Bergkuppen und Bergabhänge ſind un⸗ bedingt die natürlichen Standorte für Wald, und der Beſtand desſelben an dieſen Orten ſollte überall durch einen vernünftigen Forſtſchutz geregelt und ſicher geſtellt ſein.

Mehr als reichlich ausgeglichen wurden in Italien die Nachteile der Waldrodungen auf Ebenen und Hügeln, nicht nur durch den Anbau verſchiedener Getreidearten*) und Hülſenfrüchte, die früher dem Lande fehlten, ſondern auch durch Anpflanzung einer Menge für die Volkswirtſchaft des Landes äußerſt wichtiger Fruchtbäume und ſonſtiger Nutz⸗ und Zierpflanzen, wodurch das frühere Waldland Italien in das Land der Früchte, in ein Wein⸗ und Olland umgewandelt wurde. Viele der Anpflanzungen gingen von den griechiſchen und karthagiſchen Koloniſten in Süditalien aus, und nach erlangter Weltherrſchaft der Römer kamen durch den Austauſch der verſchiedenen Länder neue hinzu ſo, daß der alte Varro(geſt. 27 v. Chr.) in ſeinem noch erhaltenen WerkeDe re rustica ſchon mit Stolz rühmt, daß ganz Italien nur ein einziger Baumgarten ſei, wie auch Columella(der unter den Kaiſern Claudius und Nero lebte), im dritten ſeiner12 Bücher über Landwirtſchaft ſagt, daß in Italien, vermöge ſeines Klimas und des Fleißes ſeiner Bewohner, faſt die Früchte der ganzen Welt wachſen. Trotzdem aber fehlten dem alten Italien noch einige der bedeutendſten und einträglichſten Kulturen, die es gegenwärtig beſitzt, der Seidenbau und der Agrumenbau, der Reis und Mais, ebenſo die Baumwollenſtaude, das Zuckerrohr ꝛc., welche teils im Laufe des Mittel⸗ alters, teils nach der Entdeckung Amerikas eingeführt wurden. Das heutige Italien,von dem Fuße der Alpen bis zum Kap Lilibeo wie die Italiener gewöhnlich die Ausdehnung ihres Landes be⸗ zeichnen iſt daher noch mehr als zu Varros Zeit ein ſchönes, großes Gartenfeld, das mit Wein⸗ ſtöcken, Frucht⸗ und Zierbäumen wahrhaft überſät iſt, und um einen kleinen Begriff von dem Reichtum des Landes an dieſen Gewächſen zu geben, teile ich nur folgendes nach den offiziellen Aufnahmen mit. Da finden wir vor allem durch ganz Italien verbreitet den Weinſtock mit ſeinen Stützbäumen, der 10,36% des Oberflächengehaltes von Venetien; 5,88% der Lombardei; 9,85% von Toskana;

*) Während in den Gegenden am Po im Altertum die Hirſe die Hauptnahrung des Volkes bildete und dieſelbe Stelle einnahm, wie jetzt der Mais und Reis, trat der Weizen neben dem von den Römern ſchon gebauten Spelz an die Spitze des Getreidebaues(Columella II, 6) und ihm verdankten die griechiſchen Colonien in Unteritalien und Sicilien ihren Reichtum. Sommergerſte mit Weizen vermiſcht, gab nach Columella II, 9 ſchönes Brod fürs Geſinde, reine Gerſte dagegen erhielten die römiſchen Truppen oft als Strafration.