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Bei der Eröffnung des Schuljahres wurde zugleich der neu an die Anſtalt berufene Lehrer Hr. Gotthardt), bis dahin wiſſenſchaftlicher Hilfslehrer am Realgymnaſium in Wiesbaden, in fein Amt eingeführt.— Außerdem trat kurz darauf der Kandidat des landwirtſchaftlichen Lehramts Hr. Klee aus Koblenz zur Abſolvierung ſeines Probejahres ins Lehrerkollegium ein.
Am 2. Mai war Hr. Dr. Henkelmann beurlaubt, um an der Frühjahrsverſammlung des landwirtſchaftlichen Bezirksvereins für den Oberlahnkreis in Weilmünſter teilzunehmen.
Vom 2. bis zum 8. Juni dauerten die Pfingſtferien.
Am 14. Juni machte Hr. Dr. Henkelmann mit der I. Klaſſe einen Ausflug nach Wetzlar, um die Generalverſammlung nebſt Ausſtellung des dortigen landwirtſchaftlichen Vereins zu beſuchen, für welchen er einen Vortrag übernommen hatte.
Am 30. Juni wurde hierſelbſt, auf Anregung des Landrats Hrn. Grafen v. Schwerin, ein landwirtſchaftliches Kaſino gegründet. Wenn auch nicht unmittelbar das Leben der Schule berührend, ſo dürfte doch auch dieſe Thatſache hier mit Recht eine Stelle finden, da der raſch auf⸗ blühende junge Verein uns ſeitdem die erwünſchte Gelegenheit bietet, in ſeinen etwa alle 4 Wochen ſtattfindenden Sitzungen mit den Herren Landwirten der Umgegend in näheren Verkehr zu treten und ſo die Theorie an der Praxis zu prüfen und zu erfriſchen.
Vom 3. bis zum 31. Juli dauerten die Sommerferien..
Am 2. September vormittags fand zur Feier des Sedantages ein öffentlicher Feſtaktus ſtatt, mit Geſängen und Deklamationen der Schüler. Die Feſtrede hielt Hr. Dr. Ottmann über die Schlacht bei Wörth. Die für den Nachmittag projektierte Schulfeſtlichkeit mußte wegen un⸗ günſtigen Wetters unterbleiben, wurde aber am 17. September durch einen Ausflug nach Kirſch⸗ hofen mit Turnſpielen und ein abends auf Webers Berg arrangiertes Tanzvergnügen nachgeholt.
Vom 21. Sept. bis zum 2. Okt. war der unterzeichnete Direktor beurlaubt, um mit Unter⸗ ſtützung Sr. Excellenz des Herrn Miniſters für Landwirtſchaft, Domänen und Forſten, für welche auch an dieſer Stelle ehrerbietigſten Dank zu ſagen er nicht unterlaſſen kann, die internationale geographiſche Ausſtellung in Venedig zu beſuchen.
Zur Entlaſſungsprüfung für das Sommerſemeſter hatten ſich 3 Schüler der I. Klaſſe gemeldet:
(12) Wilhelm Ohl, Sohn des Landwirts Friedrich O. zu Netzbach im Unterlahnkreiſe, geb. 27. Juni 1864 zu Netzbach, aufgenommen in III am 29. April 1878;
(13) Heinrich Müller, Sohn des Landwirts Johann M. zu Würges im Untertaunus⸗ kreiſe, geb. 2. Aug. 1862 zu Würges, aufgenommen in IV am 9. Okt. 1877;.
(14) Friedrich Otto, Sohn des verſtorbenen Gutsbeſitzers Adam O., geb. 21. April 1863 zu Neuenbrunslar im Kreiſe Melſungen, aufgenommen in III am 11. Okt. 1877.
Die ſchriftliche Prüfung fand am 29— 31. Aug., 1. und 3. Sept. ſtatt. Die Themata derſelben waren folgende:
Deutſcher Aufſatz: Der Major von Tellheim in Leſſings Minna von Barnhelm.
Franzöſiſches Exercitium aus Plötz' Schulgrammatik, Lektion 46.
Mathematiſche Aufgaben:
X Ein Knecht mit zwei Pferden pflügt bei gewöhnlichem Pflügen zu 18 cm Tiefe und 25,4 cm Furchene breite täglich 38 a mittelſchweren Boden. a. Wieviel pflügt derſelbe bei 15 cm Furchentiefe und 17 cm urchen⸗ breite?— b. Wie lange hat derſelbe im erſten und zweiten Falle an 3 ha zu pflügen, und wie hoch belaufen ſich die Arbeitskoſten, wenn der Arbeitstag des Knechtes ſich zu 1,70, der des Geſpannes zu 3,50 M. berechnet?— B) Ein gegebenes Rechteck in ein Quadrat und dieſes in ein gleichſchenkliges Dreieck mit gegebener Höhe zu ver⸗ wandeln.— 0) Es kaufte Jemand für 1500 M. Weizen und Roggen. Er bezahlte den Scheffel Weizen mit 7,50 M., den Scheffel Roggen mit 5 M. Hätte er vier Wochen fruͤher gekauft, 8 hätte er 61 M. geſpart; denn
damals war der Weizen 10 Pf., der Roggen 40 Pf. wohlfeiler. ieviel Scheffel kaufte er von jeder Korn⸗ art?— D) In einem Dreieck iſt eine Seits gegeben= 112,52 m, die beiden anliegenden Winkel= 77⁰ 19 11“
und 69⁰ 23 25“. Geſucht iſt der Radius des eingeſchriebenen Kreiſes.
*) Wilhelm Gotthardt, geboren den 17. Mai 1853 zu Oberrod(Oberweſterwaldkreis), abſolvierte das Kaiſer⸗Wilhelm⸗Gymnaſium zu Montabaur und ſtudierte auf der Königl. Akademie zu Münſter und auf der Univerſität Marburg Philologie und Geſchichte; in Marburg diente er bei dem Heſſ. Jäger⸗Bataillon Nr. 11 vom 1. Oktober 1878 ab als Einjährig⸗Freiwilliger. Am 14. November 1879 beſtand er vor der viſſenſchaft⸗ lichen Prüfungs⸗Kommiſſion zu Marburg das Examen pro facultate docendi. Unmittelbar darauf wurde er dem Königl. Gymnaſium zu Wiesbaden als Probe⸗Kandidat überwieſen und daſelbſt zu Oſtern 1880 mit Ver⸗ ſehung einer Hilfslehrerſtelle betraut. Mit Herbſt 1880 wurde er von der Behörde als Hilfslehrer an das Königl. Real⸗Gymnaſium zu Wiesbaden verſetzt, wo er bis Oſtern 1881 thätig war.


